Zur Geſchichte der öffentlichen Geſundheitspflege im Mittelalter.
Allen Geſchöpfen iſt der Trieb angeboren, ſich ſelbſt zu erhalten. Geht daher ſchon das Thier jeder Gefahr, die ſein Leben bedrohen kann, aus dem Wege, ſo wird um ſo mehr der mit Vernunft begabte Menſch ſich mit allen Mitteln zu ſchützen ſuchen, welche ihm Verſtand und Erfahrung eingeben. Seine nächſte Sorge erſtreckt ſich hierbei auf die eigene Perſon und die Familie, in zweiter Linie aber auf ſeine Freunde und Nachbarn, inſofern deren Wohlbefinden oder Krankheit auf ihn ſelbſt Einfluß zu äußern im Stande ſind. Da jedoch der Einzelne nur rathend, nicht zwingend dem Mitbürger gegenübertreten kann und in vielen Fällen das Wohl der Geſammtheit Maßregeln verlangt, welche von allen beobachtet werden müſſen, wenn ſie für den Einzelnen von Nutzen ſein ſollen, ſo war es die Aufgabe des Staates, dieſe Sorge zu übernehmen und über Leben und Geſundheit ſeiner Angehörigen zu wachen, ſo weit dieß über⸗ haupt in die Macht des Menſchengeſchlechtes gegeben iſt. Die Geſchichte des Sanitätsweſens geht daher Hand in Hand mit den Fortſchritten der Cultur und Humanität, und je mehr dieſe ſich durch die ver⸗ wilderten Herzen der Barbaren Bahn brachen, deſto höher iſt auch der Grad der Aufmerkſamkeit, welche der Staat auf die Erhaltung der Geſundheit ſeiner Unterthanen verwendet. Einiges nun von dem zu ſchildern, was in dieſer Beziehung das Mittelalter gethan hat, ſoll in den folgenden Zeilen unternommen werden.
Nachdem das romiſche Reich den Streichen der andringenden Germanen erlegen und Italien der Zankapfel deutſcher Völker geworden war, brachte das veränderte Klima, die veränderte Lebensweiſe, die den einfachen Menſchen ungewohnten Genüſſe bis dahin unbekannte Uebel und Krankheiten in die Reihen der Eroberer, gegen welche die Prieſter, bei denen ſonſt die Leidenden Zuflucht geſucht, nicht zu helfen wußten. Insbeſondere richtete die im ſechſten Jahrhunderte graſſirende Leiſtenpeſt entſetzliche Verheerungen an, von denen man ſich einen Begriff machen kann, wenn man erfährt, daß, als 590 auf Anordnung des heiligen Gregorius in Rom eine ſiebenfältige Litanei abgehalten wurde, im Verlaufe einer Stunde 80 der An⸗ weſenden, während ſie um Abwendung der Krankheit flehten, von derſelben ergriffen wurden und in der Kirche den Geiſt aufgaben ¹). Weit mehr, als die Italiener, litten aber die Deutſchen, und ſo zwang denn der üble Geſundheitszuſtand die Oſtgothen, bei den Beſiegten Hilfe zu ſuchen und die bei dieſen beſtehenden Einrichtungen auf ihren neu gegründeten Staat zu übertragen. Das Reich wurde in gewiſſe
¹) Vergleiche Paul. Diac. II, 4; III, 24.


