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das Wunderbare eine innere Wahrſcheinlichkeit und Berechtigung habe. Wenn alſo der Dichter hier zeigt, daß Mephiſtopheles nicht im Stande iſt trotz aller ihm zu Gebote ſtehenden Kräfte und Mittel Fauſten ſein höheres Trachten und Streben,„das ihn nach dem Himmel zieht,“ ſeine Geiſtes⸗ und Willensfreiheit, zu entreißen und ihn auf der Bahn des Satans feſtzuhalten, ſo bedeutet dieß in proſai⸗ ſcher Uebertragung der poetiſchen Fiction: eine echte Menſchennatur iſt nicht zu ruinieren, oder: das edelſte Vermögen der menſchlichen Seele iſt in einzelnen vorzüglich organiſierten Individuen ſo mächtig, ſo lebendig, ſo feſt wurzelnd, daß keine entgegenwirkende Kraft, keine Dialectik, keine Kunſt dasſelbe auszurotten, zu ſchmälern, zu lähmen vermöchte, ſelbſt wenn die hölliſchen Mächte dieß verſuchen würden,— wobei freilich des Menſchen Geiſt hienieden in den Verſuchungen des Lebens vor Abirrungen, vor Verſündigungen nicht bewahrt bleibt, denn„es irrt der Menſch, ſo lang er ſtrebt.“
Ein derartiger Pact mit dem Satan könnte indeſſen bei manchem Bedenken erregen und nicht ge⸗ nügend motiviert erſcheinen in Erwägung der Thatſache, daß der Mehrzahl der Menſchen ein derartiges Streben, wie es in Fauſten lebt, fremd iſt. In der That kann nicht geleugnet werden, daß alle ſo genannten practiſchen Menſchen, alle fertigen, mit ſich zum Abſchluß gekommenen, abgeſehen von der großen Zahl der indifferenten und für höhere Geiſtes⸗Intereſſen gleichgiltigen, in der Richtung, welche Fauſt verfolgt, entweder eine Abſurdität erkennen oder zum mindeſten von den Seelenkämpfen, die er zu beſtehen hat, kalt gelaſſen werden. Wenn wir dieß einräumen müßen, ſo wollen wir hier unerörtert laſſen, ob nicht auch ſolche Individuen in frühern Perioden ähnliche Regungen empfunden, und wie es gekommen, daß ſie in eine ſo ruhige oder ſo apathiſche Geiſtesverfaſſung gerathen ſind, ſondern wir wollen nur conſtatieren, daß wenigſtens einzelne Menſchen in Fauſt einen Reflex ihres eignen Weſens erkennen, daß insbeſondere Göthe ſelbſt in Fauſt ſeine eigne Natur abgeſchildert hat 232). Man halte ſich nur vor,
zeugnis des menſchlichen Geiſtes wie Göthes Fauſt kann ihm nicht entgehen. Gibt es nicht viele Menſchen, welche bei dem Gedanken eines Bündniſſes mit dem Teufel gefühllos werden für die Schönheiten dieſer erhabenen Production? Sie begreifen nicht, wie man über eine ſolche Unwahrſcheinlichkeit hinaus kommen könne. Und doch ſind es dieſelbigen, welche ſeit ihrer Jugend den Agamemnon ſeine Tochter opfern geſehen, um Fahrwind zu erlangen, auch Medeen, wie ſie auf geflügeltem Wagen nach den allerſchrecklichſten Beſchwörungen davonfliegt. Glauben ſie denn mehr an das eine als an das andere?“
²³) Göthe geſteht dieß gewiſſermaßen ſelbſt zu, indem er(„über franzöſ. Litteratur“ S. 63 Band XXXIII) über eine franzöſiſche Recenſion ſeiner dramatiſchen Werke aus dem„Globe“ referiert und das Urtheil jenes Recenſenten adop⸗ tiert:„Es gibt ein Werk unſers Dichters, nicht nur keinem ſonſt vorhandenen vergleichbar, ſondern auch abgeſondert von ſeinem eignen zu betrachten. Es iſt der„Fauſt“, die ſeltſame, tiefe Miſchung, das wunderliche Drama, in welchem die Weſen jeden Ranges vertreten ſind: vom Gott des Himmels bis zu den Geiſtern der Finſternis, von dem Menſchen bis zum Thiere und tiefer bis zu jenen ungeſtalteten Geſchöpfen, welche wie Shakspeares Caliban nur der Einbildungskraft des Dichters ihr ſcheußliches Daſein verdanken konnten. Ueber dieſes ſonderbare Werk wäre gar viel zu ſagen; man findet der Reihe nach Muſterſtücke jeder Schreibart: von dem derbſten Poſſenſpiel bis zur erhabenſten lyriſchen Dichtung; man findet die Schilderungen aller menſchlichen Gefühle, von den widerwärtigſten bis zu den zärtlichſten, von den düſterſten bis zu den allerſüßeſten. Indem ich mich aber von dem hiſtoriſchen Standpunkt, auf welchem ich mich beſchränke, mich nicht entfernen darf und nur die Perſon des Dichters in ſeinen Werken ſuchen mag, ſo begnüge ich mich, den Fauſt als den vollkommenſten Ausdruck anzuſehen, welchen der Dichter von ſich ſelbſt gegeben hat. Ja, dieſer Fauſt, den er in ſeiner Jugend erfaßte, im reifen Alter vollbrachte, deſſen Vorſtellung er mit ſich durch alle die Aufregungen ſeines Lebens trug, wie Camosns ſein Gedicht durch die Wogen mit ſich führte, dieſer Fauſt enthält ihn ganz. Die Leiden⸗ ſchaft des Wiſſens und die Marter des Zweifels, hatten ſie nicht ſeine jungen Jahre geängſtigt? Woher kam ihm der Gedanke, ſich in ein übernatürliches Reich zu flüchten, an unſichtbare Mächte ſich zu berufen, die ihn eine Zeit lang in die Träume der Illuminaten ſtürzten, und die ihn ſogar eine Religion erfinden machten? Dieſe Ironie des Mephiſtopheles, der mit der Schwäche und den Begierden des Menſchen ein ſo frevles Spiel treibt, iſt dieß nicht die verachtende, ſpottende Seite des Dichtergeiſtes; ein Hang zum Verdrießlichſein, der ſich bis in die frühſten Jahre ſeines Lebeus aufſpüren läßt;


