Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

menſchlichen Wollens und Strebens erregen können. Das vollgiltigſte Zeugnis jedoch liefert hier der Dichter ²⁰), welcher das Bild eines vorzüglich begabten Menſchen in den bedeutendſten Lebenslagen vor uns entrollt. Wir fühlen mit und ſehen vor Augen ſein Ringen, ſein Trachten. Seine Geiſtesfreiheit iſt für uns nun nicht mehr bloße Abſtraction und Reflexion, es iſt feſte, unumſtößliche Thatſache, Ueber⸗ zeugung, aus unmittelbarſter Anſchauung und ſympathiſcher Theilnahme gewonnen; ſie trotzt ſelbſt den Künſten des Satans. Die Freiheit des Wollens und Strebens iſt Fauſten nnentreiß⸗ bar, und vergebens bemüht ſich Mephiſtopheles ihn von ſeinem Urquell abzuziehen. So verwandelt ſich dieſe Fauſtſage im ſchöpferiſchen Geiſte des genialen Dichters zu einem Triumph⸗Geſang der Menſchheit und damit eben auch zu einer Theodicee; denn wem die menſchliche Willensfreiheit geſichert iſt, dem ſteht auch die göttliche Vorſehung feſt, in ſo fern jene in dem angeborenen Sittengeſetze wurzelt, deſſen Exiſtenz eine ſelbſtbewuſte Gottheit vorausſetzt. Und in dieſem Sinne findet das Wort ſeine vollſte Anwendung:

Wer ſichert den Olymp, vereinet Götter?

Des Menſchen Kraft, im Dichter offenbaret ²¹).

Betrachten wir indes das Verhältnis Fauſts zu Mephiſtopheles etwas näher. Wenn Göthe die überlieferte Fabel von dem Abſchluß eines Pacts zwiſchen Fauſt und dem Teufel als Motiv für eine dramatiſche Verwickelung benutzt, ſo müßen wir dieß ebenſo beurtheilen wie die Beiziehung des Wunder⸗ baren in ſo vielen antiken Tragödien ²²). Es kommt eben lediglich hierbei darauf an, daß das Mythiſche,

²⁰) Ich bringe hier ein Wort Schillers(über Anmuth und Würde, 16. Band, S. 8) in Erinnerung:Die philoſophierende Vernunft kann ſich keiner Entdeckungen rühmen, die der Sinn nicht ſchon dunkel geahnt, und die Poeſie nicht geoffenbart hätte.

*¹) Ja es läßt ſich ſelbſt nachweiſen, daß unſer Drama mit der geoffenbarten Religion nicht in Widerſpruch ſteht, wobei wir übrigens auf den zweiten Theil dieſer Dichtung verweiſen müßen. Eckermann berichtet nemlich in dem ſchon mehrfach citierten Buche(2. Theil S. 350):Wir ſprachen ſodann über den Schluß(des zweiten Theils des Fauſt) und Göthe machte mich auf die Stelle aufmerkſam, wo es heißt:

Gerettet iſt das edle Glied Der Geiſterwelt vom Böſen:

Wer immer ſtrebend ſich bemüht, Den können wir erlöſen, Und hat an ihm die Liebe gar Von oben Theil genommen, Begegnet ihm die ſel'ge Schaar Mit herzlichem Willkommen.

In dieſen Verſen, ſagte er, iſt der Schlüſſel zu Fauſts Rettung enthalten. In Fauſt ſelber eine immer höhere und reinere Thätigkeit bis ans Ende und von oben die ihm zu Hilfe kommende ewige Liebe. Es ſteht dieſes mit unſerer religiöſen Vorſtellung durchaus in Harmonie, nach welcher wir nicht bloß durch eigne Kraft ſelig werden, ſondern durch die hinzu kommende göttliche Gnade. Uebrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es mit der geretteten Seele nach oben geht, ſehr ſchwer zu machen war, und daß ich bei ſo überſinnlichen, kaum zu ahnenden Dingen mich ſehr leicht im vagen hätte verlieren können, wenn ich nicht meinen poetiſchen Intentionen durch die ſcharf umriſſenen chriſtlich⸗kirchlichen Figuren und Vorſtellungen eine wolthätig beſchränkende Form und Feſtigßkeit gegeben hätte.

²²) Hier kann ich nicht umhin eine von Göthe(nüber franzöſ. Litteratur S. 85 Bd. XXXIII) mitgetheilte Anſicht aus demGlobe zu reproducieren:In ihrer Kindheit haben alle Völker das Wunderbare geliebt, und in reifern Jahren bedienten ſie ſich noch immer gern dieſes Mittels zu rühren und zu ge⸗ fallen, ob ſie gleich lange nicht mehr daran glaubten. Dieſe Hexerei, die man bei uns ſo lächerlich finden will, was iſt ſie denn als die Mythologie des Mittelalters; und im Grunde hat man denn Urſache, die eine mehr als die andre lächerlich zu finden? Das Vorurtheil, das wir beſt reiten, umfaßt viel bedeutendere Werke, und ein Er⸗