Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Empfangt das Schöne ¹s), fühlt zugleich das Gute,.

Eins mit dem andern wird euch einverleibt;

Das Schöne flieht vielleicht, das Gute bleibt.

So nach und nach erblühet leiſe, leiſe

Gefühl und Urtheil, wirkend wechſelsweiſe;

In euerm Innern ſchlichtet ſich der Streit,

Und der Geſchmack erzeugt Gerechtigkeit. Auf indirecte Weiſe wird alſo der Leſer auf die Verirrungen und Schwächen der dargeſtellten Perſonen aufmerkſam, und dieß wirkt ſicherer zu unſerer moraliſchen Veredlung als eine directe Straf⸗ predigt. Denn indem der echte Poet die Dinge darſtellt, wie ſie ſind, nicht, wie ſie ſein ſollten, erweckt er eben durch dieſe naturgetreue Schilderung unſer Intereſſe, und gleich dem Dieb in der Nacht ſchleicht er ſich in unſer Herz ein, und ohne daß wir entrinnen können erfahren wir von ihm, was recht, was unrecht, was edel, was gemein. Während alſo der jugendliche Leſer gegen einen beabſichtigten Straf⸗ ſermon ſich von vorn herein abwehrend verhält, vermag er den Eindrücken des Schönen, des wahrhaft Poetiſchen ſich nicht zu entziehen; und es wird kaum noch eines Fingerzeigs von Seiten des Lehrenden bedürfen, um ihn auf die Verirrungen eines Fauſt aufmerkſam zu machen. Der Schüler wird ſich ſelbſt ſagen, daß es eine Verſündigung war, mit dem Teufel zu pactieren.

Nachdem ich mich ſo gegen etwaige Misdeutungen im voraus ſicher geſtellt, will ich es verſuchen näher meine oben aufgeſtellte Behauptung zu begründen.

In der Natur herſcht eine ſtrenge, unverrückbare Geſetzmäßigkeit, das Thier⸗ und Pflanzenleben vollzieht ſich in unabänderlicher Gleichmäßigkeit der Erſcheinung, die Naturkräfte äußern ſich mit der ſtarrſten Nothwendigkeit der Wirkung. Einzig und allein der Menſch iſt dieſer Sphäre des Zwangs enthoben durch die Freiheit ſeines Geiſtes, durch die ihm inne wohnende Kraft zu wollen, ſich für das ſeinen Naturtrieben Entgegengeſetzte mit Selbſtbewuſtſein zu entſcheiden. Zwar die Philoſophen ſind hierüber keineswegs einig, und ſelbſt in der chriſtlichen Kirche hat es nicht an Lehrern gefehlt, welche dieſe Freiheit des Wollens in Abrede geſtellt haben. Es iſt auch in der That die Beweisführung ſchwierig, weil es kaum gelingen wird, die Willensfreiheit des einzelnen für die rein logiſche Abſtraction mit der göttlichen Allwiſſenheit und Allmacht in Einklang zu bringen. Die Philoſophen können auch keine andern Argumente als das unmittelbare Zeugnis unſers Bewuſtſeins und das mittelbare aus der Thatſache der ſittlichen Zurechnung des Gewiſſens dafür geltend machen. Die Behauptung der menſchlichen Willensfreiheit läßt ſich nun noch durch einen weitern Beweis ſtützen, welcher aus der Geſchichte abſtra⸗ hiert wird.Die Thatſache, ſagt mit Recht Jürgen Bona Meyer ¹⁰),daß es nur den Völkern, welche dieſen Glauben aufnahmen, gelungen iſt, die höchſte Bildung des Geiſtes zu erwerben und über die andern Völker des Erdkreiſes auszubreiten, iſt eine Erſcheinung der Culturgeſchichte der Menſchheit, die unſer Staunen erregt. Dieſer Glaube an den freien Willen läßt den Springpunkt alles Strebens und Wirkens frei; bei dieſem Glauben verſinkt der Menſch nicht in chineſiſche Gleichgiltigkeit, nicht in die Reſignation des indiſchen Quietismus, nicht in die thatloſe Ergebung des muhamedaniſchen Fatalismus. Der friſche Quell lebendiger Perſönlichkeit iſt dem Menſchen gerettet; er glaubt an die Kraft und die Freiheit ſeines Willens. Ohne Scheu nimmt er die Gewiſſenslaſt der Verantwortung ſeiner Thaten auf ſich und findet Erſatz in der Freude und dem Muthe des Schaffens und Wirkens. Nur auf dem Boden ſolchen Glaubens erwachſen die höchſten Ideale unſers Erdenlebens, welche die volle Thatkraft

¹s) SchillerTheaterreden. VI. Bd. S. 436. ¹⁰) Jürgen Bona Meyerphiloſophiſche Zeitfragen 1870. S. 277.