Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Aber, könnte man weiter einwerfen, dürfte es nicht bedenklich erſcheinen, eine ſo tiefſinnige Dichtung, die auf einem ſo breiten Hintergrunde des Lebens ruht, die ſo wenig geeignet iſt populär zu werden, ſchon den Schülerkreiſen nahe zu bringen? ſollte nicht eine gereiftere Lebensſtufe zur vollen Würdigung derſelben gefordert werden? Nach meinen Erfahrungen iſt von Jünglingen der oberſten Gymnaſial⸗ Claſſe jederzeit ein lebhaftes Intereſſe für dieſelbe entgegengebracht worden. Schlägt dieſe Dichtung doch Saiten an, die in der jungen Seele einen Widerhall finden müßen, um ſo lebhafter, je friſcher und unverdorbener noch die Empfänglichkeit iſt, Eindrücke aufzunehmen, welche aus allem Angeborenen, Ur⸗ ſprünglichen, Idealen entſpringen. Iſt der Menſch in dieſer Lebensperiode doch ſelbſt noch im Werden, im Streben begriffen, wo gerade die höhern Vernunft⸗Ideen in ihrer ganzen Stärke ſich noch wirkſam erweiſen.

Endlich könnte noch geltend gemacht werden, wenn man mit dem bedenklichen, verwickelten, unge⸗ regelten Lebensgang, wie er in Fauſt zur Erſcheinung kommt, unſere Jugend näher bekannt mache, ſo rege man dieſelbe nur zu ähnlichen Extravaganzen und Verirrungen auf, und ihr unverdorbener Sinn werde auf Abwege geführt. Wahrlich dann dürften wir unſerer Jugend auch keinen Homer, keinen Horaz, überhaupt keinen der alten Autoren vorlegen, was freilich ganz im Sinne Platos(und ſicherlich auch mancher Neuern) gehandelt ſein würde, der ja die Lectüre Homers bekanntlich aus ſeinem Idealſtaat verbannt wiſſen wollte. Wir ſtellen heut zu Tage andre Grundſätze auf darüber, wie man Dichter leſen ſolle. Wir verlangen nicht von ihnen eine directe Belehrung, wie Plato und auch Plutarch meinten fordern zu müßen, und wonach ſie den pädagogiſchen Werth der Poeten taxierten. Schon Horaz hat in ſeiner ars poëtica den richtigen Geſichtspunkt aufgeſtellt, und Göthe, Schiller, Leſſing und andre voll⸗ giltige Kunſtrichter der neuern Zeiten haben hierüber uns alle Zweifel benommen.Die wahre Darſtellung, ſagt Göthe ¹⁰),hat keinen Zweck. Sie billigt nicht, ſie tadelt nicht, ſondern ſie ent⸗ wickelt die Geſinnungen und Handlungen in ihrer Folge und dadurch erleuchtet und be⸗ lehrt ſie; und an einer andern Stelle derſelben Schrift ſagt er 16):Die wahre Poeſie kündigt ſich dadurch an, daß ſie als ein weltliches Evangelium durch innere Heiterkeit, durch äußeres Behagen uns von den irdiſchen Laſten zu befreien weiß, die auf uns drücken. Wie ein Luftballon hebt ſie uns mit dem Ballaſt, der uns anhängt, in höhere Regionen, und läßt die verwirrten Irrgänge der Erde in Vogelperſpective vor uns entpickelt daliegen. Die munterſten wie die ernſteſten Werke haben den gleichen Zweck, durch eine glückliche, geiſtreiche Darſtellung ſo Luſt als Schmerz zu mäßigen. Schiller ſpricht ſich ähnlich ſo aus ¹⁷):

Das iſt der Kunſt Beſtreben, Jeden aus ſich ſelbſt zu heben, Ihn dem Boden zu entführen;

Link und recht muß er verlieren Ohne zauderndes Entſagen; Aufwärts fühlt er ſich getragen!

Und in dieſen höhern Sphären

Kann das Ohr viel feiner hören,

Kann das Auge weiter tragen, Können Herzen freier ſchlagen.

¹6) Götheaus meinem Leben Band XXII, S. 173. ¹6) Ebendaſelbſt S. 162. ¹7) SchillerTheaterreden. VI. Bd. S. 434.