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ſolchem alles Vorhandene entgegentritt. Dieſer Repräſentant des Peſſimismus bringt zum Ausdruck, wie der rein verſtändig raiſonnierende Menſch urtheilt, und welche einſeitigen Geiſtesregungen einzelnen Individuen faſt ausſchließlich und einem jeden hienieden mehr oder weniger da und dort ſich aufdrängen. Verſtehen wir dagegen unter„Idee“ eine auf Vernunft⸗Intuitionen beruhende, aus dem vollen Gehalte des Lebens geſchöpfte Grundüberzeugung, ſo würde Göthe ſelbſt nichts dagegen zu erinnern finden, wenn wir uns angelegen ſein ließen, der Idee ſeines Fauſt nachzuſpüren. Dabei gehe ich ja auch keineswegs von der Vorausſetzung aus, daß ihn lediglich die Abſicht der Verkör⸗ perung einer beſtimmten Idee von Scene zu Scene bei ſeiner poetiſchen Darſtellung geleitet habe ¹²). Wol aber behaupte ich, daß dieſe dramatiſche Dichtung als die poetiſche Entäußerung von Ideen, die zeitlebens ihm zu ſchaffen gemacht, aufzufaſſen ſei. Hören wir ihn doch ſelbſt darüber ſich ausſprechen ¹³): „Da die Conception ſo alt iſt“, ſagt er zu Eckermann,„und ich ſeit fünfzig Jahren darüber nachdenke, ſo hat ſich das innere Material ſo ſehr gehäuft, daß jetzt das Ausſcheiden und Ablehnen die ſchwere Operation iſt. Die Erfindung des ganzen zweiten Theils(des Fauſt) iſt wirklich ſo alt, wie ich ſage. Aber daß ich ihn erſt jetzt ſchreibe, nachdem ich über die weltlichen Dinge ſo viel klarer geworden, mag der Sache zu gute kommen. Es geht mir damit wie einem, der in ſeiner Jugend ſehr viel kleines Silber⸗ und Kupfergeld hat, das er während dem Lauf ſeines Lebens immer bedeutender umwechſelt, ſo daß er zuletzt ſeinen Jugendbeſitz in reinen Goldſtücken vor ſich ſieht.“ Von beſonderm Intereſſe iſt hier noch eine andere Stelle in jenen oben citierten Geſprächen, woraus erhellt, daß die Fauſt⸗Idee zunächſt aus einer Reaction gegen die atheiſtiſchen Tendenzen, welche in ſeiner frühern Lebens⸗ periode von Frankreich aus auch in der deutſchen Litteratur ſich geltend machten, hervorgieng ¹4):„Es gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf“, ſagte Göthe, indem er die neuſte franzöſiſche Ueber⸗ ſetzung ſeines Fauſt zur Hand genommen, worin er blätterte und mitunter zu leſen ſchien,„wenn ich bedenke, daß dieſes Buch noch jetzt in meiner Sprache gilt, wo vor fünfzig Jahren Voltaire geherſcht hat. Sie können ſich hierbei nicht denken, was ich mir denke, und haben keinen Begriff von der Be⸗ deutung, die Voltaire und ſeine großen Zeitgenoſſen in meiner Jugend hatten, und wie ſie die ganze ſittliche Welt beherſchten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich genug hervor, was dieſe Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekoſtet, mich gegen ſie zu wehren und mich auf eigne Füße in ein wahreres Verhältnis zur Natur zu ſtellen.“
¹²) Um jeden Zweifel in dieſer Beziehung zu beſeitigen, verweiſe ich auf Schillers Briefwechel mit Göthe, worin der letztere unterm 22. Juni 1797 ſchreibt:„Da es höchſt nöthig iſt, daß ich mir in meinem jetzigen unruhigen Zuſtand etwas zu thun gebe, ſo habe ich mich entſchloſſen, an meinen Fauſt zu gehen und ihn wo nicht zu vollenden, doch wenigſtens um ein gutes Theil weiter zu bringen, indem ich das, was gedruckt iſt, wieder auflöſe und mit dem, was ſchon fertig oder erfunden iſt, in große Maſſen disponiere und ſo die Ausführung des Plans, der eigentlich nur eine Idee iſt, näher vorbereite. Nun habe ich eben dieſe Idee und deren Darſtellung wieder vorgenommen und bin mit mir ſelbſt wieder einig.“ In der Erwiderung Schillers vom darauffolgenden Tage findet ſich ſodann die Stelle:„So viel bemerke ich nur hier, daß der Fauſt, das Stück nemlich, bei aller ſeiner dichteriſchen Individualität die Forderung an eine ſymbo⸗ liſche Bedeutſamkeit nicht ganz von ſich weiſen kann, wie auch wahrſcheinlich Ihre eigne Idee iſt.— Kurz die Anforderungen an den Fauſt ſind zugleich philoſophiſch und poetiſch, nnd Sie mögen ſich wenden, wie Sie wollen, ſo wird Ihnen die Natur des Gegenſtandes eine philoſophiſche Behandlung auflegen, und die Einbildungskraft wird ſich zum Dienſt einer Vernunft⸗Idee bequemen müßen.— Verſtand und Vernunft ſcheinen mir in dieſem Stoff auf Tod und Leben mit einander zu ringen.“
¹³) Eckermanns Geſpräche mit Göthe, 2. Theil S. 152. ¹⁴) Ebendaſelbſt S. 169.


