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Hier will ich nun von vorn herein einen Einwurf zu entkräften ſuchen, der leicht erhoben werden könnte unter Berufung auf eine Aeußerung Göthes ſelbſt, welche derſelbe ſeinem Freunde Eckermann gegenüber gethan, und welche ich wörtlich wiederzugeben nicht umhin kann ¹⁰):„Die Deutſchen ſind wunderliche Leute! Sie machen ſich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die ſie überall ſuchen und überall hineinlegen, das Leben ſchwerer, als billig. Ei! ſo habt doch einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu laſſen, euch rühren zu laſſen, euch erheben zu laſſen, ja euch belehren und zu etwas Großem entflammen und ermuthigen zu laſſen, aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel, wenn es nicht irgend abſtracter Gedanke und Idee wäre. Da kommen ſie und fragen, welche Idee ich in meinem Fauſt zu verkörpern geſucht. Als ob ich das ſelber wüſte und ausſprechen könnte!„Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“, das wäre zur Noth etwas, aber das iſt keine Idee, ſondern Gang der Handlung. Und ferner, daß der Teufel die Wette verliert, und daß ein aus ſchweren Verirrungen immerfort zum Beſſern aufſtrebender Menſch zu erlöſen ſei, das iſt zwar ein wirkſamer, manches erklärender, guter Gedanke, aber es iſt keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Scene im beſondern zu Grunde liege. Es hätte auch in der That ein ſchönes Ding werden müßen, wenn ich ein ſo reiches, buntes und ſo höchſt mannigfaltiges Leben, wie ich es in Fauſt zur Anſchauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen! Es war im ganzen nicht meine Art, als Poet nach Verkörperung von etwas Abſtractem zu ſtreben. Ich empfieng in meinem Innern Eindrücke und zwar Eindrücke ſinnlicher, lebensvoller, lieblicher, bunter, hundertfältiger Art, wie eine rege Einbildungskraft es mir darbot, und ich hatte als Poet weiter nichts zu thun als ſolche Anſchauungen und Eindrücke in mir künſtleriſch zu runden und auszubilden und durch eine lebendige Darſtellung ſo zum Vorſchein zu bringen, daß andere dieſelbigen Eindrücke erhielten, wenn ſie mein Dargeſtelltes hörten oder laſen. Wollte ich jedoch einmal als Poet irgend eine Idee darſtellen, ſo that ich es in kleinen Gedichten, wo eine entſchiedne Einheit herſchen konnte, und welches zu überſehen war, wie z. B.„die Metamorphoſe der Thiere“,„die der Pflanze“, das Gedicht„Vermächtnis“ und viele andere. Das einzige Produkt von groͤßerm Umfang, wo ich mir bewuſt bin, nach Darſtellung einer durchgreifenden Idee gearbeitet zu haben, wären etwa meine Wahlverwandtſchaften. Der Roman iſt dadurch für den Verſtand faßlich geworden, aber ich will nicht ſagen, daß er dadurch beſſer geworden wäre. Vielmehr bin ich der Meinung: je incommenſurabler und für den Verſtand unfaßlicher eine poetiſche Production, deſto beſſer.“ Und an einer andern Stelle ſagt Göthe nach derſelben Quelle ¹¹): „Im Deutſchen mag ich den Fauſt nicht mehr leſen; aber in dieſer franzöſiſchen Ueberſetzung(von Gerard) wirkt alles wieder durchaus friſch, neu und geiſtreich. Der Fauſt iſt doch etwas Incommen⸗ ſurables, und alle Verſuche, ihn dem Verſtand näher zu bringen, ſind vergeblich.“ So ſcheint es alſo, als ſei der Standpunkt, den ich hier einzunehmen gedenke, ein durchaus verkehrter, inſofern ich ja auch danach trachte ausfindig zu machen,„welche Idee Göthe in dieſer Dichtung zu verkörpern geſucht.“ Suchen wir uns klar zu machen, in welchem Sinne der Dichter gegen ein derartiges Beſtreben eifert. Er ſagt es ganz unzweideutig oben in den Schlußworten:„je incommenſurabler und für den Verſtand unfaßlicher eine poetiſche Production, deſto beſſer.“ In ſo fern nemlich„Idee“ als Grundgedanke, für das einſeitig logiſche Denkvermögen faß⸗ und beweisbar, genommen wird, wäre es ein zweckloſes Bemühen, eine ſolche Idee im Fauſt nachzuweiſen. Hat doch der Dichter ſelbſt in der Figur des Mephiſtopheles gleichſam wie in einem Brennpunkte dargeſtellt, wie dem Verſtand als
ℳ0) Vgl. Eckermanns Geſpräche mit Göthe, 3. Theil S. 171. ¹¹) Vgl. ebendaſelbſt 2. Theil S. 169.


