Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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es bei Fauſt gewahren!), und wie es in nicht geringerer Stärke bei den Alten uns entgegentritt).

Die Betrachtung ſolcher typiſchen Menſchengeſtalten wie Fauſts, Göthes ſelber und ſo mancher andern unſers eignen Vaterlandes äußert auf den in der Bildung begriffenen Jüngling den ſegensreich⸗ ſten Einfluß. Er nimmt in dieſen Original⸗Typen alle die Kräfte, alle Licht⸗ und Schattenſeiten ſeines eignen Weſens wahr und beurtheilt nach ihnen ſich ſelbſt und ſeine Umgebung. Was echt menſchlich, lernt er ſchätzen, was verkehrte Zeitrichtung, gehörig würdigen, das Weſentliche der Menſchen⸗Natur von hohlem Beiwerk unterſcheiden. Und es ſcheint, als ſorge die Vorſehung durch das zeitweiſe Aufſtellen ſolcher Prototypen für die Erhaltung der urſprünglichen, echten und reinen Elemente und Kräfte des menſchlichen Weſens in ähnlicher Weiſe, wie im Bereiche des Natürlichen die Degeneration der Arten und Gattungen von Thieren und Pflanzen durch unumſtößliche Geſetze der Fortpflanzungsfähigkeit inner⸗ halb gewiſſer Grenzen verhütet wird).

Auf ein weſentliches Moment bei der Charakterzeichnung Fauſts muß nun noch beſonders hinge⸗ wieſen werden. Das iſt: das ewige Recht des Individuums, die unauslöſchliche Bedeutung der Perſönlichkeit, die unvergängliche Macht des Selbſtbewuſtſeins tritt in aller Stärke, in voller Wahrheit hier zu Tage. Und dieß führt uns zum zweiten Theil unſerer Betrachtung, wo ich zeigen will, daß Göthes Fauſt eine neue und evidente Löſung des Pro⸗ blems von der Freiheit des menſchlichen Willens aufweiſt, und daß auch aus dieſem Grunde die Lectüre dieſer Dichtung von pädagogiſchem Standpunkt aus ſich be⸗ ſonders empfehlen dürfte.

9) Am entſchiedenſten ſpricht ſich dieß in jener herrlichen, freilich mitunter misverſtandenen Stelle aus, wo Fauſt Gretchens Frage beantwortet:Nun ſag', wie haſt du's mit der Religion? Wenn er auch ſeit ſeinem Pact mit dem Satan ſein Verhältnis zur Gottheit gelöſt, ſo tritt ihm doch in dieſem Moment im Bewuſtſein ſeiner als ewig empfundenen Liebe zu Gretchen, die ihn durch die Reinheit einer vollen Weiblichkeit gegen ſein eignes und ſeinesGeſellen Wollen zu ſich emporgehoben, die Allgewalt und Tiefe des ihm ſelbſt innewohnenden Religionsgefühls wieder vor die Seele, ſo daß er mit dem Schwunge dichteriſcher Begeiſterung ſeiner Geliebten ſein religiöſes Glaubensbekenntnis ausſpricht, welche Empfindungen freilich durch den unſeligen Bund mit Mephiſtopheles bald wieder getrübt und zurückgedrängt werden, nie aber ſich auslöſchen laſſen.

Düntzer(Göthes Fauſt 1. und 2. Theil, zum erſtenmal vollſtändig erläutert, 2. Ausg. 1854) bezeichnet dieſes angeborene Religionsgefühl mit dem AusdruckNaturreligion, indem er bei Erläuterung dieſer Stelle bemerkt:Hier tritt nun Fauſt offen mit dem Glauben ſeiner Naturreligion hervor, zu welcher ſich der Dichter ſelbſt bekannte. Dieſer Ausdruck könnte zu Misdeutungen Anlaß geben, und ich glaube, Düntzer wäre der Wahrheit näher gekommen, wenn er dafür die Bezeichnungnatürliche Religion gewählt hätte. Der AusdruckNaturreligion wird nicht ſelten im pantheiſtiſchen Sinne gebraucht, wobei vorausgeſetzt iſt, daß das Individuum auf die Unauslöſchlichkeit ſeines Selbſtbewuſt⸗ ſeins Verzicht leiſte, während doch gerade die indioiduelle Eigenart des einzelnen in ihrem ewigen unverlierbaren Rechte bei Fauſt wie bei Göthe mit dieſernatürlichen Religion im innigſten Zuſammenhang zu denken iſt und nicht minder bei den Alten und bei Shakspeare, ſo vieler andern großen Geiſter nicht zu gedenken. Wenn dieſenatürliche Reli⸗ gion auch nicht vor Abirrungen bewahrt, ſo iſt doch andererſeits eine geoffenbarte Religion ohne die Vorausſetzung einer ſolchen als einer angeborenen Seelenkraft nicht denkbar; und von pädagogiſchem Standpunkt aus ſcheint es mir ſehr wichtig zu ſein, jene Grundlage alles Ethiſchen anzuerkennen und an bedeutenden Perſönlichkeiten der verſchiedenſten Berufskreiſe, Zeitalter und Nationen nachzuweiſen, als Argument zur Widerlegung der Materialiſten und Naturaliſten, die alles Religiöſe und Sittliche für anerzogen, nicht für angeboren halten.

s) Den Beweis dafür zu erbringen, wird man in einem Gymnaſial⸗Programm nicht fordern, deſſen Leſerkreis faſt ausſchließlich auf ſolche ſich beſchränkt, welche entweder Kenner des Altertums ſind oder denen tagtäglich die Schriftwerke der Alten vor die Augen treten.

) Den Beweis vom Gegentheil haben Darwin und ſeine Anhänger noch nicht geliefert, vgl. Jürgen Bona Meyerphiloſ. Zeitfragen 1870, S. 39 bis 103.