Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

Wir wollen jene unbefriedigte Seelenſtimmung, welche bei Fauſt vorherſcht, und deren ergreifende Darſtellung inmitten der lebensvollſten Bilder das Intereſſe des Leſers gefeſſelt hält wie der Blick eines Wanderers von dem bunten Mancherlei einer reichen Landſchaft ſich immer wieder zu dem mächti⸗ gen Strome zurückwendet, der durch dieſelbe ſich dahin wälzt, wir wollen jenes tiefe Leiden eines hochſtrebenden Geiſtes mit einem uns Neuern geläufigen Ausdruck Weltſchmerz benennen). Es iſt dieß eine Seelenkrankheit, die den Alten eigentlich unbekannt war, weil jenes urſprüngliche Zeitalter dieſen Contraſt ſubjectiver Anforderung und objectiver Erwiderung nicht wol aufkommen ließ, und, wo ein ſolcher Conflict hervortrat, eine reſolutere, energiſchere, heroiſchere Ueberwindung desſelben ermög⸗ lichte, wie die antiken Tragödien zeigen. In Folge der modernen Culturentwickelung aber, welche weſentlich durch das Chriſtentum bedingt iſt, das, uns unabläſſig zum Entbehren und Dulden auffordernd, höhere ſittliche Anforderungen an uns ſtellt, werden mehr oder weniger alle Neuern davon ergriffen, und zwar die am beſten organiſierten Naturen gerade am heftigſten. Daß es nicht immer gelingt, dieſe Kriſen des Lebens zu überſtehen, ſo ſegensreich auch dieſelben an ſich ſind, in ſo fern ſie uns das Gefühl, daß wir Bürger einer höhern Welt ſind, lebendig erhalten, zeigen gar manche Beiſpiele. Um aus dem Gebiete der Litteratur ein ſolches anzuführen, nenne ich nur den Britten Byron. Wie aber aus dieſem unbefriedigten, leidenden Zuſtand der Seele eine Heilung, ein Segen, ein Geſunden hervorgehe, läßt uns hier Göthe wahrnehmen. Wir bemerken, daß die Heimſuchungen des Lebens dazu dienen, die Kraft des ſittlichen Wollens zu wecken und zu ſtählen, daß mithin die Rettung eben in den Kämpfen des Lebens liegt. In dieſem Sinne ruft ja auch Fauſt gegen das Ende des zweiten Theils dieſes Dramas aus:

Ja! dieſem Sinne bin ich ganz ergeben,

Das iſt der Weisheit letzter Schluß:

Nur der verdient ſich Freiheit wie das Leben, Der täglich ſie erobern muß.

Im übrigen iſt es nicht nöthig, die Charakterſchilderung Fauſts zu vervollſtändigen. So viel liegt auf jedem Blatte unſerer Dichtung klar vor, daß er ein ganzer Menſch iſt, auf den jenes Wort im voll⸗ ſten Sinne ſeine Anwendung findet:

Homo est, nihil humani a se alienum putat;

und bei welchem der Drang nach höherer Veredlung eben ſo mächtig iſt wie die Forderungen ſeiner derb ſinnlichen und heftig leidenſchaftlichen phyſiſchen Natur, wie ſich dieß in der oben citierten Stelle von denzwei Seelen Fauſts ſo entſchieden ausſpricht. Er iſt mit einem Wort ein Urtypus der Menſchheit, wie ſie unter beſonders günſtigen Verhältniſſen das Griechen⸗ und Römertum in reicher Auswahl aufweiſt, und wie ſie auch zu allen andern Zeiten unter den emporſtrebenden, nicht dem Genuſſe oder dem materiellen Bedürfniſſe ausſchließlich lebenden Nationen in einzelnen Exemplaren ſich darſtellen. Zu dieſen weſentlichen Eigenſchaften eines normal organiſierten Menſchen ge⸗ hört ein lebendiges Religionsgefühl als ein angeborenes Geiſtesvermögen, wie wir

) Göthe ſagt ſelbſt(franzöſ. Litteratur S. 117 Bd. XXXIII):Den Beifall, den dieſes Werk(Fauſt) nah und fern gefunden, mag es wol der ſeltenen Eigenſchaft ſchuldig ſein, daß es für immer die Entwickelungsperiode eines Men⸗ ſchengeiſtes feſthält, der von allem, was die Menſchheit peinigt, auch gequält, von allem, was ſie beunruhigt, auch ergriffen, in dem, was ſie verabſcheut, gleichfalls befangen, und durch das, was ſie wünſcht, auch beſeligt worden. Sehr entfernt ſind ſolche Zuſtände gegenwärtig von dem Dichter, auch die Welt hat gewiſſermaßen ganz andere Kämpfe zu beſtehen; indeſſen bleibt doch meiſtens der Menſchenzuſtand in Freud und Leid ſich gleich, und der Letztgeborene wird immer noch Urſache finden, ſich nach demjenigen umzuſehen, was vor ihm genoſſen und gelitten worden, um ſich einigermaßen in das zu ſchicken, was auch ihm bereitet wird.