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„Ganz recht! ich ſeh' es ebenfalls.
„Sie kann das Haupt auch unterm Arme tragen; „Denn Perſeus hat's ihr abgeſchlagen.—
„Nur immer dieſe Luſt am Wahn!“
Wenden wir uns nun zur Betrachtung der Hauptfigur, Fauſts, um ein Urtheil darüber zu gewinnen, ob die nähere Anſchauung derſelben eine ebenſo humaniſierende Kraft habe, wie ein Achilles, ein Odyſſeus und wie jene Geſtalten alle heißen mögen, mit denen wir unſere Jugend in den obern Curſen unſerer Gymnaſien bekannt machen, und ob deshalb dieſes Drama zur Aufnahme in den Kanon unſerer Schul⸗Claſſiker ſich empfehle.
Wir wollen hier vorzugsweiſe über den religiöſen Standpunkt Fauſts klar zu werden ſuchen. Eine Stelle des Prologs im Himmel gibt hier den beſten Aufſchluß:
„Der Herr: Kennſt du den Fauſt?
„Mephiſtopheles: Den Doktor?
„Der Herr: Meinen Knecht!
„Mephiſtopheles: Fürwabr er dient euch auf beſondre Weiſe. „Nicht irdiſch iſt des Thoren Trank noch Speiſe.
„Ihn treibt die Gährung in die Ferne,
„Er iſt ſich ſeiner Tollheit halb bewuſt; „Vom Himmel fordert er die ſchönſten Sterne „Und von der Erde jede höchſte Luſt,
„Und alle Näh' und alle Ferne
„Befriedigt nicht die tief bewegte Bruſt.
„Der Herr: Wenn er mir jetzt auch nur verworren dient, „So werd' ich ihn bald in die Klarheit führen. „Weiß doch der Gärtner, wenn das Bäumchen grünt,
„Daß Blüt' und Frucht die künft'gen Jahre zieren.
„Mephiſtopheles: Was wettet ihr? Den ſollt ihr noch verlieren, „Wenn ihr mir die Erlaubnis gebt,
„Ihn meine Straße ſacht zu führen! „Der Herr: So lang er auf der Erde lebt, „So lange ſei dir's nicht verboten. „Es irrt der Menſch, ſo lang er ſtrebt.—— „Nun gut, es ſei dir überlaſſen! „Zieh' dieſen Geiſt von ſeinem Urquell ab „Und führ' ihn, kannſt du ihn erfaſſen, „Auf deinem Wege mit herab, „Und ſteh' beſchämt, wenn du bekennen muſt: „Ein guter Menſch in ſeinem dunkeln Drange „Iſt ſich des rechten Weges wol bewuſt.—— „Des Menſchen Thätigkeit kann allzuleicht er ſchlaffen, „Er liebt ſich bald die unbedingte Ruh'; „Drum geb' ich gern ihm den Geſellen zu, „Der reizt und wirkt und muß als Teufel ſchaffen.“
Wir erkennen hieraus die Tiefe, die Stärke des angeborenen religiöſen Gefühls, welches freilich bei ſeinem eben ſo lebendigen, aber nirgends volle Befriedigung findenden philoſophiſchen Forſchertriebe ihn vor Irrungen nicht bewahrt und in ihm das ſchmerzliche Gefühl erzeugt, von einem heiß erſehnten Ziele hienieden fern gehalten zu bleiben. Ueberſehen wir zugleich nicht, wie der Dichter die Einwirkung irdiſcher Uebel und Verſuchungen auf ein ſo organiſiertes Weſen durch die Plane einer höhern Weisheit rechtfertigt, als eine Erweckung und Entwickelung des dem Menſchen innewohnenden Vermögens aus eignem, freiem Wollen ſich für das Sittlich⸗Gute zu entſcheiden.


