Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Nun verſinkt er wieder in ſeine melancholiſchen Reflexionen, und der letzte Eindruck der Offenbarung des Geiſtes wirkt mit aller Macht nach, indem das Misverhältnis zwiſchen ſeinen Hoffnungen und Be⸗ ſtrebungen und den gewonnenen Reſultaten für Geiſt und Herz klarer wie je ihm vor die Seele tritt. In dieſem Moment reift beim Anblick eines Giftfläſchchens in ihm der Entſchluß, dieſe Pein zu enden und ſich ſelbſt das Leben zu nehmen

Und wär' es mit Gefahr, ins Nichts dahinzufließen. Er ſetzt ſchon die Schale an den Mund, als der Glockenklang und Chorgeſang des beginnenden Oſter⸗ feſtes die heiligen Erinnerungen an ſeine Jugendzeit zurückruft und ihn dem Leben wiedergibt: Erinnerung hält mich nun mit kindlichem Gefühle Vom letzten ernſten Schritt zurück. O tönet fort, ihr ſüßen Himmelslieder! Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!

Hiermit ſchließt dieſe Scene, und in der folgenden erſcheinen unter allerlei Spaziergängern vor dem Thore, die durch ihre Aeußerungen höchſt charakteriſtiſch und naturwahr gezeichnet ſind, auch Fauſt und Wagner im Geſpräch. Jener fühlt ſich unter der heitern Menge am Oſtertage in der wieder auf⸗ lebenden Natur wie neu geboren, Wagner hingegen ſehnt ſich weg alsein Feind von allem Rohen. Bald ſammelt ſich ehrfurchtsvoll ein Kreis des Volks um die beiden, die aber deſſen Huldigungen ab⸗ lehnen und weiter gehen, indem ſie ihre Unterhaltung fortſetzen. Fauſt geſteht ſeinem Gefährten, wie unverdient die Verehrung der Menge ſei. Er und ſein Vater hättenmit hölliſchen Latwergen als Arzt unter dieſen Leutenweit ſchlimmer als die Peſt getobt. Doch den Trübſinn verbannend enthüllt er ſeinem Begleiter die Reize der Abendlandſchaft, und ſeine Gefühle zerſchmelzen in Sehnſucht, auf Geiſtesflügeln emporzuſtreben, dem Lauf der Sonne, dem Fluge des Kranichs nachzuſchweben. Wagner findet einen ſolchen Trieb unerklärlich und lobt ſich dagegen die himmliſchen Freuden bei Ent⸗ rollung eines alten Pergaments, was jenem den Ausruf entlockt:

Du biſt dir nur des einen Triebs bewuſt; O lerne nie den andern kennen!

Zwei Seelen wohnen ach! in meiner Bruſt, Die eine will ſich von der andern trennen; Die eine hält in derber Liebesluſt

Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltſam ſich vom Duſt Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Auf der Heimkehr wird ihre Aufmerkſamkeit durch einen Hund in Anſpruch genommen, der ſie um⸗ kreiſt, und immer näher kommend als der Studenten⸗Pudel ſich darſtellt. Fauſt tritt, nachdem er Wagnern verabſchiedet, mit dem Thiere in ſein Studierzimmer ein.

Heiterer und menſchlicher geſtimmt ſucht er nun in der heiligen Schrift, in der Quelle göttlicher Offenbarung, Befriedigung, die ihm durch ſein Forſchen und ſeine magiſchen Künſte nicht geworden. Doch ſeine Betrachtungen, welche ſofort bei ſeinem kritiſchen Beſtreben einen ſkeptiſchen Charakter an⸗ nehmen und ihn in ſeine peinliche Seelenſtimmung zurückwerfen, unterbricht der Pudel, der ſeither unruhig hin und her rennend und ſchnobernd plöͤtzlich in coloſſalen Metamorphoſen ſich bemerklich macht, und endlich als der leibhaftige Teufel in der Geſtalt eines fahrenden Scholaſten vor ihn tritt. Fauſt findet dieſe Er⸗ ſcheinung höchſt intereſſant, und es reizt ihn, den Teufel feſt zu halten und einen Pact mit ihm zu ſchließen. Mephiſtopheles benutzt die Stimmung der armen Seele, und es gelingt ihm, durch den Geſang der ihm untergebenen Geiſter ihn in eine geträumte Sinnenverzückung zu verſetzen. Während Fauſt ſo in ſüßen Schlaf verſinkt, macht ſich Mephiſtopheles heimlich davon, ſeines Sieges über den überſpannten Narren im voraus gewiß, um ihn mit nächſtem durch unlösbare Bande an ſich zu ketten.