Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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erkundigt. Die drei Erzengel preiſen die Allmacht und Allweisheit Gottes, nur Mephiſtopheles findet es auf Erdenherzlich ſchlecht. Auf die Frage, ob er auch den Doktor Fauſt unter die Zahl der be⸗ dauernswerthen Menſchen rechne, entgegnet dieſer, daß er auch dieſen nur für einen Thoren halten müße, obwol für einen ſehr anſpruchsvollen. Und er mache ſich anheiſchig, ihm ſeine Grillen zu ver⸗ treiben, die ihn nach dem Himmel zögen, und ihn auf die Teufelsſtraße zu führen, wenn ihm freier Spielraum gelaſſen würde. Gott überläßt ihn bereitwillig der Gewalt des Satans für die Dauer des Erdenlebens, weil eine ſolche Teufels⸗Einwirkung nur als Erweckung und Läuterung des beſſern, himm⸗ liſchen Princips in Fauſt diene. In dem Monologe, womit das Drama beginnt, ſpricht Fauſt zuvörderſt ſeinen Unmuth über die

Beſchränktheit menſchlicher Erkenntnis aus. Voll Verzweiflung ruft er:

Da ſteh' ich nun, ich armer Thor,

Und bin ſo klug als wie zuvor. Sein redliches, raſtloſes Bemühen das Weſen der Dinge zu erfaſſen hat ihn zu keinem Ziele geführt. Und ſelbſt ſein letzter Verſuch, in die Geheimniſſe des Geiſterreichs und der Natur durch die Künſte der Magie einzudringen, bereitet ihm dieſelbe Demüthigung. Denn der Geiſt, den er durch Zauberkraft heraufbeſchworen, eröffnet ihm:

Du gleichſt dem Geiſt, den du begreifſt,

Nicht mir. In dieſen peinigenden Selbſtbetrachtungen wird er durch die Ankunft Wagners unterbrochen, ſeines Famulus, eines Bücherwurms ohne lebendig friſchen Sinn, der von ſich ſelbſt mit der Selbſtgenügſamkeit eines Halbwiſſers ſagt:

Mit Eifer hab' ich mich den Studien befliſſen.

Zwar weiß ich viel; doch möcht' ich alles wiſſen. Fauſt, dem ſeine Erſcheinung ſehr unwillkommen iſt, fertigt ihn, indem jener von ihm Belehrung ſucht, mit tief eindringenden und höchſt bedeutenden Worten ab, ohne natürlich von ihm begriffen zu werden.

eingeprägt hatte. Und wir haben dieſe Wendung in ihm unbedingt als eine Wendung zum Beſſern und Tiefern zu begrü⸗ ßen, die ihn über die bloß aufkläreriſche Art ſeiner Zeit und über die vorwiegend äſthetiſche Geiſtesſtimmung der vorhergehenden und gleichzeitigen Epoche hinauszuheben begann und von neuem einer tiefern und wirklich ſubſtanzhaltenden Anſchauungsweiſe zuführte.Darum galt es auch ihm ſelbſt, je länger je mehr das eigne Gefühl zu ſtärken und die Gemüthskraft auszubilden.Ich bitte Sie, mehr ſein Gefühl und Gemüth in Anſpruch zu nehmen, da beſon⸗ ders das letztere der Hebel zu allem Tüchtigen iſt, ſchreibt er 1817 an den Erzieher jenes Knaben;und ſo ſpöttiſch und klein manchmal das Gemüthliche genommen wird, ſo wird es doch von unſern gröſten Schriftſtellern, wie von Göthe und andern, als eine vorzügliche Eigenſchaft betrachtet; ja ohne Gemüth, behaupten manche, könne gar kein ausgezeichneter Menſch beſtehen und keine Tiefe ſchon gar nicht in demſelben vorhanden ſein. Man erkennt deutlich, es iſt das wieder erwachte Gemüthsbedürfnis, was ihn mehr und mehr auch in die Arme der ethiſchen Betrachtung und religiöſen Erhebung zu⸗ rückführt. Seine Seele ſucht vor allem jene naive Geſchloſſenheit wieder, jene ungebrochene Exiſtenz in der hingebenden Verſenkung in das Allgemeine und Ewige, die ihm theils eine innerlich öde und verwahrloſte Jugenderziehung gärzlich vorenthalten, theils eine auf tauſenderlei Dinge des Geiſtes und Lebens verſtreute und in Leiden zerklüftete Exiſtenz entzogen hatte. Das Gleiche, was ihn ſchon frühzeitig, innern Halt und Nahrung ſuchend, zu den Alten gezogen, die dieſe

ungebrochene Exiſtenz und den Frieden mit dem All wenigſtens in ihrem äußern Daſein wiederſpiegeln,

und ſelbſt in ihrer denkenden Betrachtung der Dinge kaum eine mindere Seelenruhe bekunden als in der dichtenden Schil⸗ derung des wirklichen Lebens das gleiche Bedürfnis zieht dieſen himmelſtürmenden Titanen jetzt zunächſt mit ſehnſuchts⸗ voller Neigung in denTempel der Natur und der Menſchen, in die Freie und Weite der landſchaftlichen Natur, zu dem im heitern Frieden blühendenKleide der Gottheit u. ſ. w.

Ich glaubte einige Stellen von größerm Umfang hier mittheilen zu müßen, weil es mir zugleich von beſonderm Intereſſe zu ſein ſchien wahrzunehmen, wie ein gleicher Proceß innerer Kämpfe in dem congenialen Tondichter wirkſam geweſen ſei. Iſt doch das Reich der Töne vorzugsweiſe geeignet, alles Intuitive, Junerliche, Ideale, im Gemüthe Wurzelnde zum Ausdruck zu bringen.

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