Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

Um hierüber ins klare zu kommen, erſuche ich den Leſer mir zu folgen, wenn ich die Expoſition dieſer dramatiſchen Dichtung bis zur eigentlichen Handlung zunächſt hier wieder vergegenwärtige.

gefunden zu haben glaube. Zum Belege hebe ich daraus hier einige längere Stellen aus(nach dem Referat, welches in den Beilagen zur Augsb. Allgem. Zeitung vom 4. und 5. Juni und in den außerordentlichen Beilagen vom 2. und 5. Juli 1870 gegeben iſt):DieMissa solennis bezeichnet mehr als jedes andere Werk ſeines(Beethovens) Schaffens einen Abſchnitt, einen Sieg in ſeinem eignen innern Leben. Er ſelbſt iſt fortan der Neue, der Wiedergeborene. Die innere Wiedervereinigung mit dem Ewigen iſt vollzogen, iſt vollendete Thatſache in ihm geworden. Die religiöſe Empfindung iſt dauernd ſicherer Zuſtand ſeines Innern, ruhig abgeſchloßne Grundſtimmung ſeines Weſens und Grundlage ſeiner geſamten Anſchauung und Geiſtesthätigkeit geworden, von der aus auch zu höhern Stufen vorzuſchreiten war. In welcher Weiſe nun das dem Ewigen entſprungene Licht als Gedanke und Abſicht das wirkliche Leben durchdringen und den Menſchen zu ſeiner eigent⸗ lichen Beſtimmung als geiſtentſtammtem Weſen führen ſoll, dieß tritt jetzt ſeinem innern Schauen von neuem klar und zwar klarer als je zuvor vor Augen. Und leicht gruppieren ſich ihm jetzt die entſcheidenden Momente dieſes reinigenden Seelenproceſſes, ſo wie ihn ja ſein eignes Herz durch Jahrzente in ſchmerzlichſtem Ertragen und Entſagen durchgemacht hat und jetzt als wirklich vollzogen fühlt, zu einem überſchaulichen Bilde, das ſeiner Phantaſie ſogar ziemlich kurze Zeit nach der Hercules⸗Arbeit der großen Meſſe friſcheſte Triebkraft und freiſten Schwung verleiht. Es iſt in der That, als habe die jahrelange Abgeſchiedenheit vom wirklichen Leben und die Verleugnung des eignen Weſens und Wollens, nian möchte ſagendas Wandeln in der Wüſte, das er ſeit mehr als einem Luſtrum vollführt, ſeinem Innern erſt den vollen Kraft⸗ gehalt wiedergegeben, und ſein Können erſt ganz rein und in vollſter Concentration hervorgeboren. Daß mit dieſem faſt dithyrambiſchen Excurs auf Beethovens im eigentlichen Sinne eigenſtes und gröſtes Werk, auf dieneunte Symphonie gedeutet iſt, wem wäre dieß entgangen? Die neunte Symphonie ward im Herbſt 1822 begonnen und bereits nach guter Jahresfriſt vollendet. Die äußere Lage war nach der wenig einträglichen langen Meſſen⸗Compoſition drückend und drängend. Ich ſchreibe nur das nicht, was ich am liebſten möchte, ſondern des Geldes wegen, was ich brauche. Es iſt deswegen nicht geſagt, daß ich doch bloß ums Geld ſchreibe. Iſt dieſe Periode vorbei, ſo hoffe ich endlich zu ſchreiben, was mir und der Kunſt das Höchſte iſt Fauſt! So antwortet er ſelbſt einem um das Boſtoner Oratorium fragenden Be⸗ kannten in das Converſationsheft, und zwar im Jahr 1823, als die neunte Symphonie in ſeinem Innern gohr. Auch hören wir, daß es gerade damals, im Herbſt 1822, war, wo er die Compoſition vonMeeresſtille undGlückliche Fahrt dem Verfaſſer der Gedichte,dem unſterblichen Göthe widmete. Es war alſo in der That nur der Blick der angeborenen Congenialität mit dem Meiſter, was einen Künſtler wie Richard Wagner, der von dem ſo eben aufgedeckten hiſtoriſchen Zuſammenhang der Sache kaum etwas wiſſen konnte, gerade in dieſer Symphonie in voller Realität eine Fauſtmuſik erblicken ließ, und ſogar in dieſem Sinn ein vollſtändiges Programm zur beſſeren Verſtändlichung des In⸗ halts und namentlich ſeines Ideengangs für das Werkaufſtellen ließ. Es iſt hier in der That jenes innere Werden des Menſchen wiedergeſpiegelt, das in uns erſt das Dauernde herausſchälen und uns ſo in practiſchen Beſitz des Geiſtigen und Unſterblichen ſetzen ſoll. Zumal der erſte Satz des Werks behauptet mit einer bisher geradezu unerhörten Energie und wahren Maje⸗ ſtät der Ueberzeugung das Recht des freien innern Menſchen, die Prärogative des Geiſtes, der ſich des Zuſam⸗ menhangs mit dem Ewigen und Allgemeinen bewuſt geworden iſt, und in dieſem Bewuſtſein auch den autonomen Gedanken in die Welt der Nothwendigkeit einführen will. Mit heroiſchem Schritt tritt ſogleich in den erſten Takten des Werks aus dem Dämmern des bloßen Empfindens dieſer ſeiner ſelbſt bewuſte Gedanke hervor und zeigt der Welt ſein Göttergeſicht und zugleich ſtolz aufgerichtet den feſten Willen, dieſelbe nun auch ſeinem Erkennen umzubilden. Allein ſogleich beginnt der Widerſtand und Kampf, und ſelten wol ward uns auch ein ſo erſchütterndes Bild der Leiden und Kämpfe gegeben, die deſſen harren, der jenes höchſte Recht der Menſchheit thatſächlich für ſich in Anſpruch nimmt und die Welt nach dem Maßſtabe des Geiſtes meſſen und einrichten will. Nicht ſiegreich, aber in gleicher Weiſe unbeſiegt, ſteht der Held am Schluſſe da, und noch ſein letztes Wort iſt mannhaft kühnes Behaupten ſeines Rechts, des ewigen Rechts des freien Ge⸗ dankens. Dieſes Werk iſt daher in der That auch als der wahre Abſchluß, als das allumfaſſende Reſultat von Beethovens Streben und Schaffen, damit aber zugleich als der fruchtbarſte Ausgangspunkt des geiſtigen Wirkens und künſtleriſchen Schaffens unſerer Tage zu bezeichnen. Hier waltet der Geiſt, der das moderne Leben neugeſtaltend durchdringt, der freie Gedanke. So iſt die neunte Symphonie Beethovens der erſte und unmittelbare Nachfolger von Göthes Fauſt. Wüſten wir es nicht aus beſtimmteſter Ueberlieferung, daß gerade die letzten Jahre Beethovens ſtets leb⸗ hafter und auf dem letzten Krankenlager gar am lebhafteſten ihn die Idee einer Muſik zu jener Dichtung beherſchte, die zuerſt mit voller Energie das poetiſche Lebenselement unſerer Zeit, das Dringen des Gedankens in die Wirklichkeit als Stoff ergriff, zu Göthes Fauſt ſeinerletzten Quartette verriethen uns, wie ſeine Seele geſtimmt und womit im tiefſten Innerſten er beſchäftigt war. Denn ganz und gar Ausflüſſe einer ſolchen Stimmung und Anſchauung erſcheinen ſie, wie ſie die Grundlage bei Compoſition des Fauſt geweſen ſein müſte. An einer andern, auf ſeine frühere Lebens⸗