Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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wie viel mir darauf ankommen müſte, wenn es mir gelänge den Nachweis vom Gegentheil zu erbringen und zu zeigen, daß vorzugsweiſe Göthes Fauſt einen hohen pädagogiſchen Werth habe. Dieſe Bedeutſamkeit in humaniſtiſcher Hinſicht ſcheint mir bei dieſer Dich⸗ tung in einem doppelten Momente begründet zu ſein, einmal darin, daß Fauſt ſelbſt eine typiſche Menſchen⸗Figur iſt, ſo unverfälſcht, als nur eine das Altertum aufzuweiſen hat, und andererſeits darin, daß dieſes Drama ganz eigentlich eine philoſophiſche Dichtung iſt, welche die Autonomie des Geiſtes, die Willensfreiheit, in den wichtigſten Lebensmomenten eines bedeutenden Menſchen ſichert, und ſo dieſes ſchwierige Problem auf eine eben ſo originelle als überzeugende Weiſe löſt ¹).

So müſte nun eigentlich auch Fauſt dargeſtellt werden, damit wir keinen Augenblick vergäßen, daß Gott und der Teufel um Fauſt ſtreiten denn in keinem andern tragiſchen Stoff liegt dieſer Streit ſo klar vor als in dieſem. Jetzt muß es der Erklärer hinzubringen oder der aufmerkſame Leſer herausfühlen Göthe hat wenigſtens den Verſuch gemacht, uns die überirdiſchen Kräfte, die in ſein buntes Bild hineinreihen, vorzuführen. Die Hölle hat er uns nicht darſtellen können, denn er wuſte nichts von einer Hölle u. ſ. w. Endlich Seite 48:Dieß alles erwogen, müßen wir des Dichters Worte: Und führ' ihn, kannſt du ihn erfaſſen, Auf deinem Wege mit herab,

wie ſchon früher angedeutet, als dem vorausgehenden widerſprechend und dem Gang der Tragödie nicht gemäß bezeichnen: erfaſſen kann Mephiſtopheles den Fauſt; nicht an einem, an hundert Fäden hält er ihn, um ſo leichter, da Fauſt ſchon von ſeinemUrquell abgezogen iſt. Der Teufel iſt nicht einGeſelle des Menſchen, er iſt auch nicht bloß Geſelle des Fauſt nein, er iſt ſein Herr, der ihn führt und leitet ſeine Straße. Aber das hat unſer Dichter eben nur unbewuſt in ſeiner Tragödie ausſprechen können, das Bewuſtſein dieſer Stellung des Teufels hat ihm gefehlt, und darum iſt auch der Gegenſatz zu dem Treiben des Teufels, der in den letzten Worten des Herrn ausgeſprochen iſt, obgleich er echt künſtleriſch in den Anfang, in das Lob der Engel zurückkehrt, doch nur ſehr ſchwach ausgeſprochen. Schöne Worte ſind es:

Doch ihr, die echten Götterſöhne,

Erfreut euch der lebendig reichen Schöne.

Das Werdende, das ewig wirkt und lebt,

Umfaß euch mit der Liebe holden Schranken,

Und was in ſchwankender Erſcheinung ſchwebt,

Befeſtiget mit dauernden Gedanken;

und dieholden Schranken der Liebe, welche die Engel an ihrem Herrn und Gott feſthält und ſie freudigen Gehorſam lehrt, ſind ein ſchöner Gegenſatz gegen die Freiheit des Satans, der nach eignem Willen das Land durazieht aber ſonſt iſt doch wenig Inhalt in den ſchönen Worten. Das Werdende, das ewig wirkt und lebt

iſt doch nur ein grob pantheiſtiſcher Ausdruck für Gott, der ſchlecht dazu paßt, daß Gott ſpricht, und die letzten Worte:

Und was in ſchwankender Erſcheinung ſchwebt,

Befeſtiget mit dauernden Gedanken

ſind faſt phraſenhaft und inhaltslos. Ich enthalte mich hier aller weitern kritiſierenden Bemerkungen, da man in äſthetiſchen Dingen überhaupt durch Disputieren nicht weit kommt und namentlich im vorliegenden Falle, da meine eigne Anſicht vorerſt noch gar nicht vorgebracht iſt. Nur ſo viel kann ich nicht unterdrücken: Es liegt auf der flachen Hand, daß die unſerm Dichterfürſten reichlich geſpendeten Lobpreiſungen aus demſelben Munde nach ſolchen Declamationen ſich etwas lächerlich ausnehmen, in ſo fern es den Eindruck macht, als ſuche ſich der Herr Verfaſſer in dieſen ſeinenvor einem kleinen Kreis chriſtlicher Freunde gehaltenen Vorträgen bon gré mal gré mit der enormen Macht und Attractiouskraft, welche in dem Namen Göthe liegt, auf irgend eine Art abzufinden, weil es eben doch nicht wol angeht, ihn ganz bei Seite zu ſchieben.

) Ob ich durch dieſe Auffaſſung unſers Dramas einen neuen Geſichtspunkt auch für die äſthetiſche Beurtheilung desſelben geboten habe, wage ich nicht zu entſcheiden. Ich bin mir wenigſtens bewuſt, aus mir ſelbſt dieſelbe geſchöpft zu haben und in keiner Erläuterungsſchrift über Göthes Fauſt derſelben begegnet zu ſein. Nur dieſes muß ich einräumen, daß ich in der SchriftBeethovens geiſtige Entwickelung von Ludwig Nohl mit meiner Grund⸗Anſicht Uebereinſtimmendes