Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Zuſammenhang und ſtützen damit ihr eignes Syſtem. Solche Autorität wird dann begreiflicher Weiſe hoch angeſchlagen, und gar mancher, der nicht tiefer forſcht, läßt ſich dadurch irre führen. Man ſieht,

Weiſe dieß gleich wieder auf, und dieſes Wort iſt nicht bloß Ironie des Teufels, ſondern es iſt die Wahrheit: der Fauſt, wie ihn Göthe dargeſtellt hat, dient Gott eben ſo, wie Göthe Gott gedient hat nemlich ohne vom göttlichen Leben mehr zu haben als Reminiscenzen aus der Kindheit und raſch vorübergehende Anregungen. Es mag das Gefühl dieſes Mangels an der herrlichen Tragödie den Verketzerungen des Fauſt, wie ſie z. B. aus Wolfgang Menzels Mund hervorgegangen ſind, zu Grunde gelegen haben. Ferner S. 33:Aber es iſt noch ein anderer Umſtand, der zu einem reinen Eindruck des Geſprächs, das den Haupttheil des Prologs ausmacht, es nicht kommen läßt der Abſtand des Göthe'ſchen Fauſt von der alten Volksſage tritt hier offen hervor, tritt geradezu in den Vordergrund. Es iſt Göthe zu hart geweſen, den endlichen Untergang Fauſts, den vollſtändigen Sieg der Hölle darzuſtellen er war ein Kind ſeiner Zeit, die ſich vor Hölle und Teufel nicht mehr fürchtete, und darum hat er hier gleich im Prolog auf einen endlichen guten Ausgang des Ganzen, auf die Vergeblichkeit der Anſtrengungen des Teufels hingewieſen. Aber wie werden dieſe Anſtrengungen des Teufels vergeb⸗ lich gemacht? Etwa wie bei Hiob, deſſen erſtem Capitel der Prolog offenbar entnommen iſt, dadurch, daß das arme ver⸗ ſuchte und bedrängte Menſchenherz ſich feſt hält an ſeinem Gotte, feſt hält auch in der tiefſten Trübſal, im äußerſten Elend? Nein, davon weiß unſer Dichter nichts, da er nie in einem nahen, perſönlichen Verhältnis zu ſeinem Gotte geſtanden bat, er bietet uns hier, was ſeine Zeit bieten konnte, Phraſen vonKlarheit,ſtreben und irren, vomUrquell, und läßt dieſe Redensarten gipfeln in dem Vers:

Ein guter Menſch in ſeinem dunkeln Drange Iſt ſich des rechten Weges wol bewuſt.

Der Dichter läßt dieſen Vers von Mephiſtopheles ſelbſt widerlegen:Schon gut, nur dauert es nicht lange, und hier hat der Dichter den Teufel wahrer ſprechen laſſen als Gott. Unſer Dichter, der gewiß in eminentem Sinn das war, was die Welt einen guten Menſchen nennt, dienſtfertig, gutmüthig, tauſend Anforderungen entſprechend iſt doch in ſeinem Leben nie des rechten Weges ſich bewuſt geweſen, ſeindunkeler Drang hat ihn höchſtens zu einigen, nicht lang dauernden guten Regungen, nie zu wahrhaftigerKlarheit geführt. Und wir brauchen nur auf unſere Tragödie zu blicken da finden wir vieldunkeln Drang da erſcheint Fauſt auch als einguter Menſch, der als eifriger Arzt ſich der Anerkennung einer ganzen Gegend erfreut aber iſt ſich Fauſt des rechten Wegs bewuſt? Das ganze Stück widerlegt die Worte des Dichters. Im ganzen erſten Theil des Fauſt erſcheint Fauſt eben als ſich des rechten Weges nie bewuſt und deshalb hin und her tappend; im zweiten Theil freilich herſcht dieſer Gedanke weit mehr vor aber ob zum Vortheil des Stücks? Der erſte Theil ſchließt mit dem furchtbarenHer zu mir, der zweite zeigt uns am Schluſſe Engel, Fauſts uUnſterbliches(ein ſehr bezeichnendes Neutrum) tragend was entſpricht dem Stoff mehr, das erſte oder das letzte? Das Urtheil kann nicht zweifelhaft ſein. Der zweite Theil des Fauſt konnte, wenn der Stoff wirklich organiſch, dem erſten entſprechend, fortgeführt werden ſollte, nur dasHer zu mir ausführen es iſt nicht ausgeführt worden, und wir können es ohne weiteres behaupten es brauchte auch nicht ausgeführt zu werden: es ſchließt dieſesHer zu mir die Tragödie vollſtändig ab. Eine Tragödie will uns doch der Dichter geben, auf einen tragiſchen Ausgang müßen wir uns gefaßt machen, und dieſer liegt in jenem kurzen Wort, es liegt darin dasjämmerliche Ende Dr. Fauſti wirklich ausge⸗ ſprochen. Dem erſten Theil des Fauſt liegt der endliche Untergang des Helden offenbar von Anfang bis zu Ende zu Grunde, und es muß deshalb die im Prolog ausgeſprochene Hinweiſung auf ein anderes Ende nicht nur von chriſtlichem Standpunkt als Abſchwächung des Ernſtes der alten Fauſtſage bezeichnet, ſondern auch, weil ſie dem Gang des Stückes widerſpricht, als unkünſtleriſch verurtheiit werden. Doch nehmen wir dieſe Spreu, die der Dichter uns bietet, weil er das Brot des Lebens nicht kannte, hin mit der Entſchuldigung für ihn, daß er mehr nicht geben konnte ſo finden wir im Prolog noch des Anregenden genug, genug, das uns den Dichter als Dichter wieder bewundern läßt. Einmal iſt die ganze Exiſtenz dieſes Prologs ein Beweis dafür, wie gewaltig der Dichter ſeinen Stoff auffaßt, für ſein Streben, den Kampf auf der Erde, den Kampf im Menſchen, als einen Kampf des Reiches der Finſternis und des Reiches des Lichts darzuſtellen. Die alten geiſtlichen Schauſpiele des 14. und 15. Jahrhunderts hatten eine Einrichtung, welche dieß hervortreten ließ. Die Schaubühnen, die zu ihrer Aufführung errichtet wurden, waren hoch und hatten drei Abtheilungen: oben war der Himmel, in welchem Gott von ſeinen Engeln umgeben während des ganzen Stückes thronte, unten war die Hölle, in der man Teufel und Drachen ſah in der Mitte war die Erde, der einzige Punkt, wo ſich die auftretenden Perſonen und die Ortsverhältniſſe änderten. Jetzt wäre es unmöglich, es wäre in unſerer glaubensarmen Zeit eine Blasphemie, ein Stück ſo aufzuführen; aber in jeder wahren Tragödie(ſelbſt ſchon in der griechiſchen) kämpfen doch im Menſchen die beiden Mächte Himmel und Hölle, und daß dieß in den alten Myſterien ſo unmittelbar vor die Augen gerückt war, iſt etwas Gewaltiges und läßt uns den ſtrengen Ernſt unſerer Väter, denen die Schaubühne noch wirklich ein Mittel zur Erziehung des Volkes war, bewundern.