Aufsatz 
Betrachtungen eines Schulmanns über Goethes Faust / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Karl Vogts, Moleſchotts und Büchners Declamationen kalt. Denn jenen Koryphäen der Menſchheit, die wir zu den Unſern zählen, verdienen dieſe Kleinen doch wol nicht die Schuhriemen zu löſen. Und ſelbſt ein Darwin würde das edle Bild der Menſchheit, das durch die Bekanntſchaft mit jenen Pro⸗ pheten der Geiſtesfreiheit in ihm erzeugt iſt, ihm nicht zu entreißen vermögen. Shakspeare iſt es alſo vorzugsweiſe und Göthe, die wir in den Kanon unſerer Schul⸗Lectüre ein⸗ führen wollen. Ich verſtehe dieß ſo, daß in der Gymnaſial⸗Prima in den Kreis des deutſchen Unterrichts als ſtehende Lectüre die bedeutendſten dramatiſchen Dichtungen Shakspeares(in deutſcher Uebertragung) und Göthes hereingezogen werden. Hierbei kommt es natürlich auf eine angemeſſene Aus⸗ wahl und richtige Würdigung der einzelnen Stücke an.

Gewiß ſind ſeither auch andere Schulmänner vielfach dieſer Anſicht geweſen. Vielleicht aber haben manche ſich noch nicht dazu entſchließen können, derſelben practiſche Folge zu geben, wie denn überhaupt der deutſche Unterrichts⸗Gang nooh nicht einen feſt abgeſchloſſenen Plan gefunden hat. Zur Ermuthigung für dieſe Unſchlüſſigen unternehme ich es, im Folgenden meine Anſicht näher zu begründen, wobei ich mir kein anderes Verdienſt beimeſſe, als dem Aufſeher einer Gemäldegallerie gebührt, der ein werthvolles Bild, welches längere Zeit unter dem Einfluß eines falſchen Lichtreflexes nur einer geringern Anzahl der Beſchauenden zugänglich war, an eine günſtigere Wand gehängt, ſo daß jeder Vorübergehende es näher betrachten kann.

Was übrigens eine Beleuchtung Shakspeares in dieſem Sinne betrifft, ſo ſehe ich hier davon ab, indem ich mich nur auf den angegebenen allgemeinen Geſichtspunkt beſchränke. Auch von Göthes Dramen wähle ich hier zur Beſprechung nur deſſen Fauſt aus, welche großartige Dichtung mir mehr als alles übrige der modernen Litteratur geeignet ſcheint, jenen angedeuteten pädagogiſchen Zwecken zu dienen. Ich halte mich für verpflichtet, dabei von vorn herein zu erklären, daß ich nicht im geringſten darüber im Zweifel bin, daß Göthe ſeinen Fauſt wie alle ſeine Dichtungen nicht für Gymnaſiaſten und zu Schulzwecken verfaßt, daß er überhaupt den Zweck der Belehrung dabei nicht im Auge gehabt. Allein eben ſo wenig als Homer je daran gedacht haben mag, daß er zum Schulbuch geſtempelt werden würde, und gleichwol niemand ſich, bedenken wird, über die pädagogiſche Bedeutung Homers zu reden, ſo kann ja wol auch bei dem gröſten Dichter unſerer Nationallitteratur unter Schulmännern die Frage über deſſen Verwerthung zu Unterrichtszwecken aufgeworfen werden, ohne daß irgend wie für die Beurtheilung ſeines Dichterwerthes eine Beeinträchtigung zu befürchten wäre. Gerade in der Gymnaſial⸗Prima iſt es indiciert, cum grano salis die höchſten Intereſſen der Menſchheit zu berühren, und zu allen Betrach⸗ tungen die Jünglinge gehörigen Orts anzuregen, welche ihren ſittlichen Wuchs fördern. Was in dieſer Lebensperiode verfehlt wird, wird ſich im ganzen ſpätern Leben rächen, und einzelne ſonſt höchſt achtungs⸗ werthe Schulmänner laſſen ſich wol in dieſer Hinſicht manche Unterlaſſungsſünden zu Schulden kommen.

Die Schwierigkeit verkenne ich keineswegs, welche mir in der Entwickelung meines Themas vor⸗ liegt; allein ich bin mir bewuſt, eine Ueberzeugung hier zum Ausdruck zu bringen, die in langjährigen Erfahrungen, Beobachtungen und Erwägungen begründet iſt. Das gewonnene Reſultat wird mit den Anſichten mancher unter den Aelteren und Jüngeren in grellem Widerſpruche ſtehen. Denn wie viele gibt es doch, die aus Misverſtand oder Vorurtheil den ethiſchen Standpunkt Göthes verdammen! Und zählen nicht vielfach die Pantheiſten ihn zu den Ihrigen ³)? Sie reißen irgend eine Stelle aus dem

³) Ich kann nicht umhin, hier einige Stellen aus einem neuern Buche auszuſchreiben, deſſen Verfaſſer ſehr viele Anhänger zählt, woraus hervorgehen mag, wie grell meine Auffaſſung dagegen abſticht. Otto Vilmar ſchreibt u. a. in ſeiner 1861 in 2. Auflage erſchienenen SchriftZum Verſtändnis Göthes S. 18:Wenn auch der Dichter im Prolog im Himmel Fauſt als einKnecht Gottes bezeichnet, ſo hebt Mephiſtopheles' Wort:fürwahr er dient euch auf beſondre