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Hier drängt ſich nun zunächſt die Frage auf: Haben wir denn nicht in den Studien des claſſiſchen Altertums das beſte Correctiv für abirrende Geiſtesrichtungen? ſollten wir noch anderer Hilfs⸗ und Heilmittel bedürfen? Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Humanitätsſtudien, welche eben auf der Bekanntſchaft mit dem Griechen⸗ und Römertum beruhen, jenen Zweck bisher aufs vollkommenſte erfüllt haben und für immer erfüllen werden. Denn es wird kein anderes Aequivalent ſich auffinden laſſen, das Typiſche der Menſchennatur oder das Reinmenſchliche ſo unverhüllt, ſo unverfälſcht, ſo vollkommen zur Anſchauung zu bringen. Man hat zwar mitunter behauptet, das Studium der Naturwiſſenſchaften erfülle denſelben Zweck. Wer ſollte auch den wohlthätigen Einfluß derſelben auf die Geiſtesbildung verkennen können? Leider aber iſt es notoriſch, daß die Mehrzahl der Naturforſcher, in einer gewiſſen Einſeitigkeit der Anſchauung befangen und ausſchließlich das ſinnlich in Erſcheinung Tretende beachtend, den Menſchen nicht für ein moraliſches Weſen halten und den ſpecifiſchen Unterſchied des Phyſiſchen und Pſychiſchen verwiſchen. Wogegen den Alten das Princip der Geiſtesfreiheit im Gegen⸗ ſatz zur Naturnothwendigkeit ſo klar vorſchwebte, daß aus allen Erzeugniſſen der altclaſſiſchen Litteratur jeder unbefangene und vorurtheilsloſe Leſer den Eindruck gewinnt, der Menſch ſei ein Weſen höherer Art als die übrigen Geſchöpfe. Oder wollte man das bisherige Fundament des Gymnaſial⸗Unterrichts etwa durch moderne Sprachen verdrängen, ſo würde wieder kein Volk ſich finden laſſen, ſelbſt das deutſche mit inbegriffen, deſſen Litteratur uns ſo unentſtellt, ſo lauter, ſo unverkümmert die reine Menſchheit mit allen Vorzügen und Schwächen zur Darſtellung brächte. Wohin wir ſonſt blicken, überall finden wir Einſeitigkeit, ja vielfach Carricatur des menſchlichen Weſens. Selbſt in unſerm herrlichen deutſchen Vaterland, in dem alle Bildung der Neuzeit gipfelt, das auch endlich die ihm gebührende Machtſtellung errungen hat, begegnen wir gar manchen halben und Zwitter⸗Menſchen in allen Lebenskreiſen. Iſt doch die Zahl derer nicht gar groß, bei denen in der Weiſe der Alten vor allem das Reinmenſchliche zur Entwickelung gebracht worden iſt, und die dann auch in ihrem Wandel und Wirkungskreiſe vor allem den Menſchen als ſolchen erkennen laſſen. Und verfolgen wir vorurtheilsfrei den Bildungsgang gerade dieſer wenigen, werden wir nicht wahrzunehmen umhin können, daß— wenn ſie nicht ſchon von Natur mit beſonderer Originalität und Reinheit des Naturells ausgeſtattet waren— ihre Bekanntſchaft mit den homeriſchen Helden und mit allen jenen antiken Geſtalten, die als ganze, als echte Menſchen in jungen Jahren ihnen entgegentraten, ihnen den rechten Weg gewieſen, um von ſo mannigfachen Ein⸗ ſeitigkeiten ſich fern zu halten, in welche die moderne Zeitſtrömung ſie zu ziehen drohte? Man halte nicht dagegen die Thatſache, daß keineswegs vorzugsweiſe unter den Philologen die Vertreter der helleniſchen Kalokagathie zu ſuchen ſind; denn ſonſt müſte man es auch dem Chriſtentum aufbürden wollen, wenn unter den ordinierten Theologen mitunter auch unwürdige Geiſtliche ſich finden. Auch bringe man nicht den Einwand, daß Aberglauben und die ſchändlichſten Laſter bei den alten Griechen und Römern heimiſch geweſen. Wo Licht iſt, wird man auch Schatten finden. Es kommt eben vor allem darauf an, daß der Blick des lernenden Jünglings nicht getrübt bleibe in Folge vorgefaßter Ideen, welche ihm aus ſeiner Lebensſtellung und gar manchen ihn umgebenden Einflüſſen zugeſtrömt und fortwährend zufließen, daß er vielmehr Klarheit gewinne über das Weſen und die Beſtimmung des Menſchen und zwar aus eigner Ueberzeugung, die er aus unmittelbarer Anſchauung jener antiken Menſchen⸗Typen gewonnen hat. Auch würde es keineswegs genügen, etwa bloß aus dem Religions⸗Unterrichte als der einzigen Heils⸗ quelle eine abgerundete Humanitäts⸗Bildung— abgeſehen von der formalen und Fach⸗Bildung— zu ſchöpfen. Was ſollte ihn denn vor Bigotterie, was vor Aberglauben, was vor frivoler Freidenkerei, was vor quälenden Zweifeln ſchützen, wenn er nicht zuvor ein Urbild der reinen Menſchheit in ſich auf⸗ genommen hätte, welches ihm ſeine eigne edlere Stellung im Reiche des Geſchaffenen zur unbeſtreitbaren Gewißheit macht und ihm als Leuchte dient durch die Nebel, welche ſeinen Wandel von allen Seiten umla⸗


