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vorher, da wo die Rede von den Censoren ist, heiſst es Bini sunto, magistratum quinquennium habento, reliqui magistratus annui sunto.
Noch angreifbarer ist die formelle Seite von Niebuhr's Meinung. Er hat sich, wie die meisten nach ihm, durch den Schein getäuscht, verleiten laſsen sul in consul, praesul, exsul für identisch zu halten. Aber wohin würde es führen, wenn man immer Wörter um deswillen für dieselben halten wollte, weil sie gleiches Aussehen haben z. B. lactare(säugen) und lactare (locken), esse(sein) und esse(essen), lecken(lingere), lecken(salire) und lecken(rimas agere, rigare), Lache(palus) und Lache(risus), Rasen(cespes) und rasen(furere)? Sul in praesul von sul in consul und exsul zu trennen, ist schon deswegen gerathen, weil sich bei jenem keine Spur zeigt von einem früheren sol. Auſserdem läſst es sich nur mit Gewalt von prae- silire losreiſsen. Aus diesem ist es ohne Zweifel wie dux aus duc-ere, rex aus reg-ere hervor- gegangen, indem das i vor l in u übergieng, wie bei facultas neben facilitas, bei simultas neben similitas. Der Uebergang des i in u, welcher vor l nur dann Statt findet, wenn unmittelbar auf l ein Consonant folgt— worüber unten das Genauere— hat seinen Grund in dem von der Theorie geforderten Nominativ praesuls, dessen ls im Auslaute nicht stehen bleiben konnte. Davon giebt es in der lateinischen Sprache nur eine einzige Ausnahme, nämlich puls, welches für pults, assimiliert pulss steht. Hier wollte man offenbar die beiden s nicht schwinden laſsen. So pleibt praesul, dessen u in den andern casus freilich unorganisch steht, das, wofür es früher immer gegolten hat, nämlich der Vortänzer des Priestercollegiums der Salier, dem das Tanzen, trotz des Miscredits, in dem es bei den Römern stand, nichts von seiner Ehrwürdigkeit benahm. Denn das Tanzen der Gottheit zu Ehren wird mit andern Augen angesehen und anders beurtheilt als das weltliche Tanzen. Mit exsul verhält es sich folgendermaſsen. Zu Grunde liegt ihm die ältere Form exsol(vgl. Ritschl Prol. Plaut. 92; Rh. Mus. 9, 17; Nonius S. 85 G.). Nichts ist also natürlicher, als es von solum abzuleiten, es mülsten denn Gründe vorhanden sein, die das verbieten. Solche vermag ich aber nicht zu entdecken. Da die von Substantiven der 1. und 2. Declination abgeleiteten adjectiva fast immer is als Endung haben, wie imbellis, inermis neben inermus, insignis, exsomnis, insomnis, enervis, exanimis neben exanimus, peregris, woher pereger und peregre, informis, deformis, elinguis, enormis), imbecillis ³) neben imbecillus, so sind wir
²) Ich benütze diese Gelegenheit um meine Gedanken über das dem enormis zu Grunde liegende norma zu üuſsern. Offenbar steht es auf gleicher Linie mit forma. Wie nun dieses aus der Wurzel fer hervorgegangen ist in dem Sinne von gestus, so setzt norma die Wurzel ner voraus. Als verbum ist sie weder im Lateinischen noch im Griechischen vorhanden, wohl aber im Sanscrit nar(nri) und bedeutet ducere. Dem ducere sehr nah steht dem Begriffe nach regere und daraus ist regula hervorgegangen. Demgemäls hat norma und regula ganz denselben Sinn. Der Uebergang eines wurzelhaften e in o, namentlich vor r, ist bekannt, eben so das Suffix ma z. B. fama. Von jener Wurzel ner stammt auch das wie gero der Trüger, edo der Freſser, gebildete nero, quo significatur lingua Sabina fortis ac strenuus(Suet. Tib. 1), ferner nerio, was so viel ist als virtus und fortitudo(Gellius 13, 22).
⁴) Imbecillis ist eine Zusammensetzung aus der praepos. in und dem diminut. bacillum Stäbchen, dessen a, wie oft, in e übergegangen ist z. B. incestus, integer, ineptus, perpetior. Es bedeutet zunächst auf einem Stäbchen ruhend, dann schlecht gestützt, schwach. Sein Gegentheil scheint incolumis. Da es bei Quintil. Inst. 1, 7, 29 heilst Columnam et consules exemta n littera legimus, so könnte man versucht sein es von columa mit weggefallenem n abzuleiten. Aber weder die Stelle selbst noch ihr Sinn ist sicher(vgl. Halm in dessen ohnläüngst erschienener Ausgabe des Quint. a. a. O. und Schneider Lat. Gr. 1, 541). Ich ziehe es daher vor incolumis aus columen entstehen zu lassen, in der Art daſs aus dessen Stamm columin zunächst incoluminis(vgl. cognominis) und dann mit Wegfall des n incolumis geworden ist, wie exsanguis aus exsanguinis, wie sublimis aus subliminis d. h. dem Stamme limin, welcher dem limen zu Grunde liegt(vgl. Ritschl Rh. Mus. Bd. 7, S. 558 und Opusc. Philol. II, 462). Die Bedeutung von incolumis ist auf einer Säule ruhend, dann wohl gestützt, fest, gesund, unversehrt(vgl. solidns. 609).


