Aufsatz 
3 Abhandlungen a) Über die hannövrischen orthographischen Regeln, ein Referat, b) Deus und Theos, c) Lucus / Johann Heinrich Hainebach
Entstehung
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Den Adjectiven und Pronominen könnte sie füglich versagt werden. Warum soll der Gute ein G, der gute Mensch ein g haben? Nach einem vernünftigen Grunde sieht man sich ver- geblich um. Mindestens aber sollten wir uns entschließen, kein Pronomen mit grodem Anfangs- buchstaben zu schreiben, da sonst keine Grenze zu finden ist. Denn wer das substantivisch stehende dieser, jener, der, keiner, dieses, jenes; wer jemand, niemand, etwas, nichts mit der Majuskel versieht, der mud folgerichtig auch ich, du, er, man, wer, das, was so schreiben. Was die pronomina anbelangt, so befinde ich mich im Einklang mit der hann. Anweisung.

Im einzelnen hätte ich nur weniges zu bemerken.

Weon es§. 1, 4 heièt: die preußische Geschichte ist die Geschichte von Preußen und die Preußische Geschichte die von Preuß geschriebene Geschichte, baiersches Bier nach baier- scher Art gebrautes und Baiersches Bier in Baiern gebrautes; so sind dieß pedantische, alles innern Grundes entbehrende Spitzfindigkeiten. Nebenbei ist noch die harte und unrichtige Form baiersch statt bairisch zu tadeln.

§. 2, 5, c verlangt, dad Morgens, Abends mit kleinem Anfangsbuchstaben, des Morgens, des Abends mit groqem geschrieben werde. Ein wunderlicher Einfall! Denn offenbar ist das eine wie das andere ein adverbial gebrauchter Genitiv, ganz wie im griechischen»uerog,εεοασς.

II. Schreibung der langen Vocale.

Die Länge des Vocals wird bald durch Gemination desselben, bald durch zutretendes h, bei i durch ein nachgesetztes e ausgedrückt. Die Gemination findet bloß bei a, e, o Statt, nicht bei i und u, auch nicht bei den Umlauten ä, ö, ü. Dehnendes h wird nur vor liquid. und nach t gesetzt. Dieser Mittel hat man sich in ganz willkührlicher Weise bedient. Man vgl. z. B. Haar mit wahr, Aal mit Wahl, Saat mit Rath, Meér mit sehr, Seele mit fehle. Noch bäufiger hat man die Dehnung des Vocals unbezeichnet geladen, z. B. klar, Span, Schar, schel, Krone, gut, mir, dir, wir. Das auffallendste Beispiel der Art bietet uns das S. 2 be- sprochene zwar gegenüber dem ihm zu Grunde liegenden wahr. T9

Natürlich sind nicht alle nach langem Vocale stehenden h eingeschoben. Diejenigen Wörter, in denen es organisch ist, sei es dad es sich aus alter Zeit erhalten hat, sei es dad es an die Stelle eines früheren j, g, w getreten ist, finden sich im Anhange S. 50 verzeichnet. Einige Irrthümer, die mit untergelaufen sind, werde ich nachher berichtigen.

Eben so ist das e nach i nicht überall erst im neuhochdentschen eingeschoben worden. Bei einer nicht geringen Anzahl von Wörtern, welche im Anhange S§. 49 zusammengestellt sind, ist das ie organisch und aus einem früheren iu, io, ia hervorgegangen. Dabin gehören nament- lich die§. 4, 2, a. b genannten zwei bedeutenden Klassen von starken Verben: 1) diejenige, welche im praes. den Vocal ie, im praet. und partie. den Vocal o hat, z. B. ich fliege, flog, geflogen; 2) die ursprünglich reduplizierenden verba, d. h. diejenigen, welche im goth. ihr praet. durch Reduplication bildeten, z. B. haldan(halten), praet. haibald(hielt); haitan(heißen), praet. haihait(hieg). Sehr leicht kenntlich sind diese verba daran, dad sie im praet. zum Vocal ie haben, während der Vocal des präs. und partic. identisch ist, z. B. ich heide, hied, geheiden; ich halte, hielt, gehalten; ich rathe, rieth, gerathen; ich stoße, stieß, gestogen. Zu diesen ursprünglich reduplizierten praet. gehört auch fieng, hieng, gieng, dessen praes. gange in der neuhochdentschen Schriftsprache nicht mehr gebraucht wird. Man sollte daher die

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