Aufsatz 
3 Abhandlungen a) Über die hannövrischen orthographischen Regeln, ein Referat, b) Deus und Theos, c) Lucus / Johann Heinrich Hainebach
Entstehung
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von estis(ihr eßet), eo(ich gehe) von eo(dahin) zu unterscheiden, und die Franzosen denken nicht daran, mine(Miene) anders als mine(Mine) zu schreiben, und doch läßt sich nicht sagen, das Römer und Franzosen weniger nach Klarheit des Ausdrucks trachten als die Deutschen. Alle diese Aenderungen der neueren Zeit könnte man sich übrigens gefallen laßen, wenn dabei konsequent und nicht oft willkührlich verfahren worden wäre. Man vergleiche nur wir mit ihr und Gier, wahr mit klar, Looß mit blod, Moos mit los. Ja sogar, während man wahr mit einem h versieht, schreibt man dasselbe Wort in der Adverbialbildung zwar(mhd. ze ware, zware) ohne ein solches h, obgleich das a in zwar nicht minder lang ist als in wahr. Während man mahlen(molere), dessen a ursprünglich kurz ist(mhd. mäln), mit h schreibt, läßt man malen(pingere), dessen Vocal stets lang war(mhd. malen), ohne ein solches b. Von den vielen gleichlautenden Wörtern, die man nie versucht hat durch ein sichtbares Zeichen von einander zu unterscheiden, will ich nur einige Beispiele anführen: Thor(stultus) und Thor (porta); kriegen(bellare) und kriegen(accipere); kosten(gustare) und kosten(stare); siegen (vincere) und ver-siegen(effluere, arescere).

Die andere Richtung schließt sich an J. Grimms Forschungen an, welche uns die ge- setzmäßige Entwicklung unsrer Sprache von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart herab in einer bewunderungswürdigen Weise erschloßen und vor Augen gelegt hat.

Wie sollen wir uns nun verhalten gegenüber den Anforderungen des herrschenden Ge- brauchs einestheils und der sichern wigenschaftlichen Resultate andrerseits? Ich denke, wir lagen beiden ihr Recht widerfahren, in der Art daß wir in schonender Weise die 1 Hand an jenen legen und diesen überall da Aufnahme gewähren, wo jener ins Schwanken ge- rathen ist und dieses Schwanken weitere Kreiße als die der Germanisten ergriffen hat.

Theilen meine verehrten Herrn Kollegen diese Gesichtspunkte und Grundsätze, woran ich kaum zweifeln kann, so befinden wir uns in der angenehmen Lage, einige gedruckte Blätter zu haben, die wir im allgemeinen als Richtschnur gebrauchen können. Es sind dieß die im hannövrischen eingeführten Regeln für deutsche Rechtschreibung. Hie und da haben sich freilich Fehler eingeschlichen, die einer Verbegrung, Undeutlichkeiten, die einer Aufhellung bedürfen, und vor allem macht die schwankende und unklare Behandlung des B eine umständ- liche und genaue Erörterung dieses Lautes nöthig.

Ich gehe nun zu den genannten Regeln selbst über, und mich an ihren Gang anschließend, werde ich jedem Theile eine kurze Einleitung vorausschicken und dann, wo es nöthig ist, meine Bemerkungen im einzelnen folgen laden.

I. Groſze Anfangsbuchstaben.

Der Brauch, die substantiva mit grogen Anfangsbuchstaben zu schreiben, nistete sich erst im 16. Jahrhundert in Deutschland ein, ohne Nutzen für das Auge, ohne Vortheil für das Verständniss, Raum und Zeit raubend in weit höherem Made als es auf den ersten Blick scheint. Abgesehen von Dänen und Litthauern, welche diese Weise den Deutschen nachgemacht haben, findet sich etwas ähnliches bei keinem Volke. Diesem Brauche oder vielmehr Unfug, wie J. Grimm es nennt, mühßen auch wir nothwendiger Weise unsern Tribut zollen, aber mehr Raum dürfen wir ihm nicht zugestehen, als er gebieterisch verlangt. Ich glaube nicht, daß es sehr anstößig wäre, wenn wir die Majuskel auf die wirklichen substantiva beschränkten.