a) Ueber die hannövrischen orthographischen Regeln, ein Referat.
Gewiss fühlt jeder von uns, dad es ein Uebelstand ist, wenn Lehrer derselben Anstalt in Bezug auf deutsche Orthographie in ganz verschiedener Weise verfahren; wenn der eine, mag er sich auch noch so schonend ausdrücken, das verwirft, was der andre billigt, und so in den Köpfen der Schüler Zweifel und Verwirrung entstehen. Diesem Uebelstande abzuhelfen, mühßen wir ernstlich bemüht sein, und an dem Gelingen ist nicht zu zweifeln, wenn jeder zur Sache den redlichen Willen mitbringt.
Es fragt sich nun, welcher Weg einzuschlagen sei, um zu dem gewünschten Ziele zu gelangen. Bekanntlich gibt es auf diesem Gebiete zwei Richtungen. Die eine hält an dem herkömmlichen fest, die andere huldigt mehr oder weniger streng den Resultaten der neueren, historischen Sprachforschung.
Faßen wir die erstere ins Auge, so zeigt sich sehr bald, dad sie an schweren Gebrechen leidet. Ihren Grund haben diese hauptsächlich in der UnehRtMsS der geschichtlichen Ent- wicklung unsrer Sprache. Dahin gehört zuvörderst die tiefgreifende Verkennung des Lautes 3, der unsre Aufmerksamkeit ganz besonders in Anspruch nehmen mud, und dem ich um deswillen eine eingehende Behandlung widmen werde. Eine große Störung hat ferner das Beéestreben veranlaßt, die Länge des Vocals bald durch Wiederholung desselben, bald durch ein einge- zchobends h, bald durch ein zu dem i tretendes e zu bezeichnen, z. B. Meer, mehr, Biene. Größeren Sohaden noch hat die pedantisch klügelnde Sucht gebracht, gleichlautende Wörter durch besondere Zeichen zu unterscheiden, werthlos für das Ohr, entbehrlich für das Auge. So schreibt man jetzt auf verschiedene Weise Waaren(merces), wahren(servare), waren (erant), die wahren(veri), Wörter, denen eigentlich weiter nichts als ein einfaches a zukommt. Hierin ist man zuweilen so weit gegangen, dab man sich nicht scheute, ein sonst allgemein herrschendes Gesetz zu verletzen, z. B. ihr seid mit einem d zu schreiben, um einer Verwechs- lung mit der Partikel seit vorzubeugen. Den Römern ist es nicht eingefallen, estis(ihr seid)
Anmerk. ahd.= althochdeutsch, mhd.= mittelhochdeutsch, nhd.= neuhochdeutsch, ndd.= niederdeutsch.
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