Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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28 Man hat wohl die Frage aufgeworfen, ob eine Dichtung durch die Kraft der Natur oder durch die Kunſt ihren Werth erhalte. Ich begreife nicht, was Fleiß ohne reiche Dichterader, noch, was ein

410 unentwickeltes Talent zu leiſten vermöge; ſo ſehr fordert das eine die Hilfe des andern, und ſie verbinden ſich freundlich. Wer im Wettlauf das erſehnte Ziel zu erreichen ſtrebt, muß als Knabe ſchon vieles dulden und vollbringen, er muß Froſt und Hitze ertragen, des Weins und der Liebe ſich enthalten.

415 Wer im pythiſchen Wettkampf auf der Flöte ſpielt, hat frühe gelernt und des Meiſters Strenge gefürchtet. Nun reicht es wohl hin zu ſagen:Ich mache vortreffliche Gedichte, jenen Stümper hol' der Henker! Schimpflich wäre es ja, wenn ich zurückbleiben und eingeſtehen wollte, daß ich nicht verſtehe, was ich nicht gelernt habe.

420 Wie der Ausrufer das Volk zum Kaufen der Waren zuſammentreibt, ſo zieht auch der Dichter den Haufen der Schmeichler herbei durch die Hoffnung etwas zu erhaſchen, wenn er reich iſt an Grund⸗ beſitz, reich an ausſtehenden Kapitalien. Iſt er nun einer von denjenigen, die gern an leckerer Tafel anſtändig bewirten, die für den kreditloſen Freund bürgen, die ihn aus ſchlimmen Händeln ziehen, ſo müßte es wahrlich ein Wunder ſein, wenn dieſer, von des Schmeichlers Lob berauſcht ¹⁹), den

425 falſchen Freund vom wahren unterſcheiden könnte. Haſt du einen beſchenkt oder willſt du einem ein Geſchenk machen, ſo darfſt du dieſem in ſeiner erſten Aufwallung der Freude deine Gedichte nicht vorleſen. Denn er wird beſtändig rufen: Schön! Herrlich! Vortrefflich! Er wird bald erblaßen,

430 bald aus theilnehmenden Augen eine Zähre fließen laßen, bald vor Freude aufſpringen und mit dem Fuße auf den Boden ſtampfen. Denn wie die zum Begräbnis gedungenen Leidträger lauter zu wehklagen und ſich trauriger zu geberden pflegen, als die, welche von Herzen betrübt ſind, ſo ſtellt ſich der Schalk tiefer ergriffen, als der, welcher aus Ueberzeugung lobt. Von Königen wird behauptet,

435 daß ſie mit vielen Bechern dem zuſetzen und durch Wein den zu prüfen ſuchen, von dem ſie zu wißen wünſchen, ob er ihrer Freundſchaft werth ſei. So ſei auch du als Dichter ſtets beſorgt, daß dich des Fuchſes Heuchelſchein nicht betrüge. Laſeſt du dem Quintilius etwas vor, ſo ſagte er:Mein Lieber, dies und jenes mußt du noch ändern. Erwiederteſt du hierauf, dies ſei nicht möglich, da du

440 ſchon zwei⸗ und dreimal vergeblich es zu verbeßern geſucht, ſo rieth er dir die Stelle ganz zu ſtreichen und ſie durch neue Verſe zu erſetzen. Wollteſt du hingegen deinen Fehler lieber in Schutz nehmen als ihn beſeitigen, ſo verſchwendete er weiter kein Wort und bemühte ſich nicht länger vergebens zu verhindern, daß du ohne Nebenbuhler dich und deine Verſe allein bewunderteſt. Ein

445 Freund, der richtig denkt und es redlich meint 5⁰), wird die matten Verſe tadeln, die harten rügen, die holperigen ſchwarz anſtreichen, eiteln Prunk entfernen, dunkle Stellen ins rechte Licht zu ſetzen nöthigen, Zweideutigkeiten nicht gelten laßen, kurz alles, was der Aenderung bedarf, bemerklich

450 machen; er wird ein Ariſtarch werden und nicht etwa ſagen:Warum ſoll ich dem Freunde wegen ſolcher Kleinigkeiten zu nahe treten? Dieſe Kleinigkeiten werden für ihn, wenn er einmal verſpottet und mit Misfallen im Publikum aufgenommen worden, ernſte, ſchlimme Folgen haben.

Wie vor dem, der an der widerlichen Krätze oder an der Gelbſucht leidet oder von Irrſinn oder

455 Mondſucht befallen iſt, ſo ſcheuen ſich auch alle Vernünftigen mit einem wahnſinnigen Dichter 51) in Berührung zu kommen, und ergreifen vor ihm die Flucht; nur die Straßenjungen hängen ſich ihm an und folgen ihm nach in ihrer Unbeſonnenheit. Wenn dieſer, während er mit hochgetragenem

²*) Dieſe Worte fehlen im Original.

80) So überſetzt Wieland.

³¹) Die Beziehung auf die Anſicht Demokrits iſt unverkennbar; Horaz kommt alſo hier wieder ſpecieller auf die ſchon mit V. 295 begonnene Abfertigung derſelben zurück.