Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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27 Das eine wird wohl einmal, das andre immerfort gefallen, wenn du es auch zum zehntenmal aufs 365 neue beſchaueſt.

Höre du, älteſter Sohn des Piſo! wenn du gleich durch das Wort des Vaters zum Rechten gebildet wirſt, und wenn es ſchon dir ſelbſt nicht an Einſicht fehlt, ſo präge dir doch dieſe meine Lehre tief ein: Bei gewiſſen Dingen wird das Mittelmäßige und Erträgliche gern geduldet. So wird der mittelmäßige Rechtsgelehrte und Anwalt doch geſchätzt, wenn er auch nicht die Beredtſamkeit eines 370 Meſſala, nicht die Rechtskenntnis eines Cascellius Aulus beſitzt. Nur den Dichtern geſtatten weder Menſchen noch Götter noch die Buchläden, mittelmäßig zu ſein. Wie uns bei einem fröhlichen Mahle eine nicht zuſammenſtimmende Muſik, ſchlechte Salben und Mohn mit ſardiniſchem Honig anſtößig 375 ſind, weil dieſe Dinge nicht durchaus nöthig waren, ſo wird eine Dichtung, die ja lediglich zur Erheiterung des Geiſtes beſtimmt iſt, ganz werthlos, wenn ſie nur weniges von der höchſten Vollendung ſich entfernt. Wer vom Fechten nichts verſteht, enthält ſich der Uebungen auf dem Campus Martius, wer das Ballſpiel, den Diskus und Reif nicht kennt, wagt ſich nicht daran, aus 380 Furcht, von dem dicht gedrängten Kreiſe der Zuſchauer ungeſcheut verlacht zu werden. Aber ans Verſemachen begibt ſich jeder, wenn er auch nichts davon verſteht. Warum auch nicht? Er iſt ja ein freier Mann, von edler Abkunft, beſitzt namentlich das Vermögen eines Ritters, und niemand kann ihn einer ſträflichen Handlung zeihen.

Du, mein lieber Piſo, wirſt nichts reden und beginnen ohne Minervas Beiſtand. Dies iſt deine 385 Anſicht, dies dein Grundſatz. Sollteſt du indeſſen je etwas ſchreiben, ſo laß es von dem Ohr des Mäcius prüfen und von deinem Vater und von mir. Halte es bis ins neunte Jahr zurück, im Pulte verſchloßen. Was du nicht veröffentlicht haſt, kannſt du nach Belieben vertilgen. Iſt einmal 390 das Wort in die Welt getreten, ſo vermag es nicht wieder zu uns zurückzukehren. Wilde Waldmenſchen ⁵⁵) ſchreckte Orpheus, der Prieſter und Offenbarer der Gottheit, vom Morde und vom halbthieriſchen Leben zurück, woher denn auch die Sage entſtand, er habe blutgierige Tiger und Löwen gezähmt*6. Auch von Amphion, dem Gründer Thebens, meldete die Sage, er habe durch den Ton ſeiner Leier 395 und durch ſeine ſchmeichelnde Bitte Felſen in Bewegung geſetzt und nach jeder Richtung hingezogen. Darin beſtand nemlich die Weisheit jener Urzeit, das Gemeingut vom Beſitz des Einzelnen, das Heilige vom Weltlichen zu ſcheiden, die blinde Befriedigung der Geſchlechtsluſt zu wehren, die ehelichen Rechte und Pflichten zu beſtimmen, Städte zu gründen und auf Holztafeln die Geſetze einzuſchneiden. Hierdurch erhielten die göttlichen Dichter und Geſänge Anſehen und Ruhm. Nach dieſen ſpornte der 400 geprieſene Homer und Tyrtäus den männlichen Muth durch ihre Verſe zu Kampf und Schlachten an*³). In Liedern ſprach ſich die Stimme des Orakels aus. Durch der Muſen Töne wurde der Weg des Lebens gezeigt, der Könige Gunſt erworben, und Ergötzung als das Ende langer Arbeit 405 gefunden. Wahrlich du brauchſt dich nicht zu ſchämen der leierkundigen Muſe und des liederreichen Apollo s).

*) Ueber den Zuſammenhang dieſer Stelle mit dem Vorangehenden und Nachfolgenden vgl. Anm.).

**) Der Sinn dieſer Worte iſt nach meinem Dafürhalten: Von je her, ſelbſt von den früheſten Zeiten an, ſo weit ſich die Spuren der Civiliſation bis ins graueſte Alterthum verfolgen laßen, übte die Poeſie eine ſo außerordentlich humaniſierende Kraft aus, daß dieſelbe für magiſch gehalten wurde.

¹¹) Horaz will hiermit ſagen: Auch in ſpäterer Zeit erwarben ſich die Dichter in allen Gattungen der Poeſie den Ruhm der höchſten Weisheit, indem ſie bei Erlangung der höchſten Güter des Lebens als Leitſterne voranleuchteten.

*) Mit dieſer Paräneſe für den jungen Piſo will Horaz überhaupt ausdrücken: Wenn die Poeſie zu allen früheren Zeiten in allen Formen der Darſtellung ſo Wunderbares bewirken konnte, ſo liegt darin eine Aufforderung für jeden, der gleiche Wirkungen heut zu Tage noch erreichen will, nach gleicher Vollkommenheit und Meiſterſchaft zu ringen, wie jene geprieſenen Vorbilder.

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