Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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26 Ausführung, das Publikum mehr ergötzt und ſtärker feßelt, als Verſe, denen es an allem Gehalte fehlt, die nur leeres Geklingel ſind.

Den Griechen verlieh die Muſe dichteriſches Genie, den Griechen die Kunſt des vollendeten 325 Ausdrucks, da ſie keinen andern Geiz kannten als den nach Ruhm. Unſere römiſchen Jungen hingegen müßen in langer Exempelberechnung das As in hundert Theile zerlegen lernen. Der Sohn des Albinus ſoll mir einmal antworten:Wenn man von 512 ¼1 2 wegnimmt, was bleibt dann übrig? Nun! du weißt es ja!S.Schön! Du wirſt einſt dein Vermögen wohl zu verwalten wißen. 330 Kommt aber ¼ 2 hinzu, wie viel gibt es nun?½. Dürfen wir wohl hoffen, wenn dieſer Roſt, dieſe Geldgier ſich einmal in die Seele eingefreßen hat, daß dann noch Gedichte entſtehen können,

die es verdienen, mit Cedernöl beſtrichen und in poliertem Cypreſſenholz aufbewahrt zu werden. Der Dichter will entweder belehren oder ergötzen oder auch Nützliches und Anmuthiges mit 335 einander verbinden. Alles, was als Lehre vorzutragen iſt, ſei in treffender Kürze ausgeſprochen, damit es der Verſtand leicht auffaßen und treu bewahren kann; denn alles Ueberflüßige läuft vom geſättigten Geiſte ab. Was zur Ergötzung gedichtet wird, muß das Gepräge der Wahrheit an ſich tragen: das Stück darf nicht verlangen, daß ihm jede Albernheit geglaubt werde, nicht darf es der 340 Lamia das verſchlungene Kind lebendig aus dem Leibe ziehen laßen. Das reifere Alter misbilligt eine Dichtung, der es an belehrendem Gehalte fehlt; unſere jungen Herrn dagegen rümpfen die Naſe, wenn ſie einen allzu ernſten Charakter hat; unr dann erwirbt ſie ſich allgemeinen Beifall, wenn das Nützliche mit dem Anmuthigen darin vereinigt iſt, ſo daß der Leſer zugleich erheitert und 345 belehrt wird. Ein ſolches Werk bringt dem Buchhändler ein ſchönes Geld ein, wird auch übers Meer verlangt und ſichert dem Dichter bei der Mit⸗ und Nachwelt dauernden Ruhm. Uebrigens gibt es Verſehen, die wir ihm gerne verzeihen wollen. Tönt ja auch die Saite nicht immer, wie die Hand und Abſicht verlangte, ſondern läßt einen höhern Ton erklingen ſtatt des erwarteten tiefern, 350 und ebenſo trifft der Bogen nicht alles, was er zu ſchießen droht. Wenn darum das meiſte in einem Gedichte beifallswürdig iſt, ſo werde ich mich durch geringe Verſtöße, wie ſie die mangelnde Sorgfalt des Dichters oder die Schwäche der menſchlichen Natur überhaupt leicht entſtehen läßt, nicht ganz gegen dasſelbe einnehmen laßen. Was folgt daraus? Wie der Abſchreiber, der immer 355 auf dieſelbe Weiſe fehlt, trotz der Zurechtweiſung, keine Entſchuldigung verdient; wie der Citherſpieler verſpottet wird, der immer bei derſelben Saite fehl greift, ſo betrachte ich auch den Dichter, der häufig fehlt, als einen Chörilus, über den ich mich lachend wundere, wenn er an zwei oder drei Stellen Lob verdient. Aber es verdrießt mich auch, wenn der treffliche Homer zuweilen nickt, wie⸗ 360 wohl man ſchon bei einem Epos vom Schlaf beſchlichen werden kann. Es verhält ſich mit einem Gedichte wie mit einem Gemälde: Ein Bild wird dich mehr anziehen, wenn du in der Nähe ſtehſt, ein anderes, wenn du es aus der Ferne betrachteſt. Dieſes nemlich liebt das Dunkel, jenes will in heller Beleuchtung geſehen ſein, da es das Urtheil des ſcharf blickenden Kenners nicht ſcheut.

ſpruche mit Horazens Meinung zu ſtehen. Gerade dieſe Vorliebe fürſchöne Sentenzen(wie ſie an Euripides ſchon die Alten tadelten, und wie ſie unter den Neuern Schiller u. a. in ſeinem Wilhelm Tell zeigt, welches Drama eben um des⸗ willen weit hinter Wallenſtein zurückſtehen dürfte) ſcheint er im 322. Verſe zu geiſeln.(Döderlein meint freilich auch, Horaz würde gewiß ein größerer Bewunderer Schillers als Göthes geweſen ſein.) Wenn hingegen Scherze mit unterlaufen, ſo iſt dies ein Beweis dafür, daß Scenen aus dem wirklichen Leben vorgeführt ſind(Man denke nur an Shakspeare). Man wende nicht ein, daß von der Tragödie hier die Rede ſei, in welcher Scherze nicht am Platze ſeien. Horaz ſagt nur ſo viel: Wenn nur in einem Stücke Naturwahrheit gefunden wird, ſo überſieht das Publikum gern manche andere Mängel (es darf ſelbſt venus, pondus, ars vermißt werden), ſollte ſelbſt in einer Tragödie ein Scherz mit unterlaufen.