Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

dreifaches Anticyra nicht heilen könnte, nie dem Bartſcherer Licinus anvertraut. O ich Thor, der

ich mir immer zur Frühlinszeit die Galle reinige ⁶s)! Kein anderer ſollte beßere Gedichte machen! Doch was liegt daran ⁶⁵). Ich will vielmehr des Wetzſteins Geſchäft übernehmen, der dem Stahl Schärfe verleiht, obgleich er ſelbſt nicht ſchneiden kann. Ich will, ohne ſelbſt zu dichten, die Auf⸗ 305 gabe und Pflicht des Dichters darzuſtellen ſuchen, woher die Befähigung gewonnen werde, was einen Dichter nähre und bilde, was ihm gezieme, was nicht, wohin die Meiſterſchaft führe, wohin die Stümperei.

Anfang und Quelle der wahren Dichtkunſt iſt die Philoſophie*), welche*¹) du aus den Schriften 310 der Sokratiker erlernen wirſt. Haſt du nach dieſen Meiſtern deinen Stoff*²) durchdacht, ſo wird ſich leicht der Ausdruck finden. Wer weiß, welche Pflichten wir gegen das Vaterland haben und gegen unſere Freunde, wie wir die Eltern, den Bruder und den Gaſtfreund lieben ſollen, was der Senator, der Richter, der zum Kriege ausgeſandte Heerführer zu erfüllen habe, der wird wahrlich auch im 315 Stande ſein, jeder Perſon den entſprechenden Charakter zu verleihen. Auf das Leben und der Menſchen Eigenthümlichkeit ²³) rathe ich dem unterrichteten Nachbildner hinzuſchauen und daraus den lebendigen Ausdruck zu nehmen. Nicht ſelten ſieht man, daß ein Stück von guter Charakterzeichnung und mit Scherzen untermiſcht*¹), ſonſt ohne jeden Reiz der Darſtellung, ohne Würde und Kunſt der 320

*s) Hier iſt in Gedanken zu ergänzen:ſtatt daß ich meine Melancholie nähre, die zum Wahnſinnigwerden und ſomit zur dichteriſchen Befähigung hiuführt. 1

*°) Der Sinn der Worteverum nil tanti est läßt ſich nach meiner Meinung folgendermaßen umſchreiben: Es iſt mir nicht der Mühe werth, um deswillen, damitt ich unter jenenWahnſinnsdichtern etwa den erſten Rang behaupten könnte, meine alljährlichen Purganzen, durch welche ich meiner Melancholie entgegen zu wirken und ſomit meine leibliche Geſundheit zu befördern bemüht bin, auszuſetzen.

*0) Untersapere«(V. 309) iſt die Philoſophie als echte Lebensweisheit, nicht als Katheder⸗Weisheit oder als ſtarres philoſophiſches Syſtem zu verſtehen, wie augenſcheinlich das Folgende(V. 312 316) lehrt.

71¹)Rem im 310. Vers erkläre ich mit dem alten Acro ſo ſehr man auch dagegen eifert für hanc rem i. e. sapere, sapientiam, praecepta. 3

62)Rem(provisam) im 311. Vers hat einen andern Sinn als dasſelbe Wort in der vorangehenden Zeile. Es bezeichnet einen poetiſchen Stoff, der methodiſch durchdacht iſt(nemlich nach den platoniſch⸗ethiſchen Grundprincipien, wie das Folgende lehrt). 3

*3)Exemplar vitae morumque(V. 317) erklärt Döderlein alsVorbild für die Handlungsweiſe und Geſinnung, als ſittliches Ideal, das nur die Philoſophie darbiete und warnt davor es alsBeiſpiel aus dem Leben zu faßen.Auf jenes ſoll der gebildete Dramatiker(doctus imitator) und namentlich der tragiſche Dichter, im Gegenſatz des Volksdichters (welcher Individuen aus dem wirklichen Leben vorführt, oder wenigſtens die Menſchen nur ſchildert, wie ſie ſind, nicht wie ſie ſein ſollen) ſeinen Blick unverwandt richten und das abstractum in ein concretum verwandeln, die Idee perſonificieren und beleben. Man ſieht, daß meine Auffaßungsweiſe diametral verſchieden von dieſer Deutung iſt. Da ich jedoch über denſelben Punkt ſchon oben in der 21. Anm. mich ausgeſprochen habe, glaube ich hier deſſen überhoben zu ſein. Nur ſoviel will ich noch hier hervorheben: Im Einklange mit obiger Vorausſetzung verſteht Döderlein untersapere(V. 309)philo⸗ ſophiſche Begriffe, Erkenntniſſe, Bildung, und unterfabula recte morata(V. 319) einſittliches Drama,speciosa locis(ibid.),reich an ſchönen Sprüchen. Geradezu unbegreiflich iſt es mir übrigens, wie Döderlein am Schluße ſeiner Anmerkung ſagen konnte:Man könnte fragen, ob denn Horaz nicht den Dichter auch auf die Beobachtung des wirklichen Lebens hätte verweiſen ſollen? Gethan wenigſtens hat er es nicht; ich glaube weil es ſich für die Alten gar zu ſehr von ſelbſt verſtand. Wie die neuere Aeſthetik vielfach nöthig haben mochte, den Dichter von der Theorie und Philoſophie abzurufen und auf das Leben hinzuweiſen, ſo ſchien dem alten Aeſthetiker nur die umgekehrte Ermahnung nöthig Hat denn nicht Horaz ausführlich gerade davon ſchon oben(von V. 86178) gehandelt?(Vgl. S. 5.)

*) Die Lesart jocis halte ich für die allein richtige. An loca iſt nicht zu denken, wie Ritter meint; denn von Naturſchilderungen iſt nicht bloß hier, ſondern überhaupt von Naturmalerei in der klaſſiſchen Litteratur nichts oder doch nur ganz ſchwache Andeutungen zu finden,(wie Humboldt in ſeinem Kosmos zur Genüge nachgewieſen). Loci alsſchöne Sentenzen paſſt wohl zur Döderlein'ſchen Erklärung der Stelle(vgl. Anm. ¹³), ſcheint mir jedoch in direktem Wider⸗

. 4