Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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280 und lehrte die tragiſche Kamöne den erhabnen Ton und den noch ungewohnten Kothurn⸗Schritt. Es folgte die alte Komödie ⁶⁷), nicht ohne großen Beifall; aber die Freiheit überſchritt das Maß und uſurpierte eine Macht, die durch Geſetze beſchränkt werden mußte. Die Geſetze blieben nicht aus, und der Chor verſtummte auf ſchimpfliche Weiſe, nachdem die Erlaubnis zu ſchmähen aufgehoben war.

285 Auch unſere Dichter haben nichts unverſucht gelaßen, und ſie haben ſich dadurch beſonderes Lob erworben, daß ſie es gewagt, die griechiſchen Muſter zu verlaßen und Nationalſtoffe zu bearbeiten, indem ſie ſich im echt römiſchen Luſtſpiel ſowohl als Trauerſpiel verſuchten. Und Latium würde

290 durch Dichterwerke nicht minder glänzen als durch Tapferkeit und Waffenruhm, wenn nur nicht alle unſere Dichter ſammt und ſonders Feile und Zeitaufwand ſo ſehr ſcheuten. Laßet, o ihr edeln Nachkommen des Pompilius, ein Gedicht nicht gelten, das nicht mancher Tag und mancher Strich überarbeitet und zehnmal mit prüfendem Nagel geglättet hat.

295 Weil Demokritus meint, daß das Genie weit mehr vermöge als die armſelige Kunſt, und weil er alle Dichter, die nicht raſend ſind, vom Helikon ausſchließt, ſo unterläßt es ein guter Theil unſerer Poeten ſich Bart und Nägel abzuſchneiden, ſucht einſame Oerter auf und meidet die Bäder. Den

300 Werth und Namen eines Dichters nemlich wird man erlangen, wenn man das tolle Haupt, das ein

⁶⁷) Es iſt augenſcheinlich, daß Horaz alles, was er zuvor über die Entſtehungsgeſchichte der Tragödie geſagt hatte(V. 275 280), bloß um deswillen anführte, um die Entſtehungsgeſchichte der Komödie aufzuhellen. Denn hätte er, wie Ritter meint, eine Entſtehungsgeſchichte des Dramas überhaupt, und alſo auch ſpeciell der Tragödie, geben wollen, ſo würde er von Aeſchylus auch auf Sophokles und Euripides übergegangen ſein. So aber wollte er nur ſeine kurz zuvor (V. 270 274) vorgetragenen Bemerkungen über die Komödie, insbeſondere ſeine Anſicht, daß die römiſchen Komödiendichter Plautus nicht ausgeſchloßen mehr die griechiſchen Vorbilder hätten im Auge behalten ſollen, dadurch in ein helleres Licht ſetzen, daß er an die Entſtehungsgeſchichte der Komödie erinnert und daran weiter anknüpft. Nun konnte er aber die Entſtehungsgeſchichte nur ſo einführen, daß er vom Urſprung des Dramas überhaupt ſpricht. Hierbei nun ſcheint ſeinen Anführungen folgende Anſchauung zu Grunde zu liegen:Aus dem rohſten Anfang der dramatiſchen Kunſt(wie er in Thespis ſich zeigte), welcher noch nicht einen ſpecifiſch komiſchen und tragiſchen Charakter an ſich trägt, entwickelte ſich bei den Griechen ſofort eine durchaus edle Form der Tragödie(Aeſchylus), die der höchſten Vollendung nicht ferne ſtand. Faſt gleichzeitig trat auch ſchon die alte Komödie bei ihnen hervor in gleicher Vollkommenheit(vnon sine multa laude*). Und wenn auch allerdings bei den Griechen bald ein Rückſchritt eintrat, ſo ward doch bei den Römern eine klaſſiſche Periode in der komiſchen Poeſie gar nicht bemerklich; denn dieſe haben wohl in einer Beziehung in der Wahl von Nationalſtoffen eine herrliche Bahn betreten, leider aber haben ſie es an jener Formvollendung fehlen laßen, welche den Griechen zum Ruhm gereicht.

Döderlein bemerkt mit Recht zu dieſer Stelle:Die Ausleger ſehen in dieſer Epiſode eine quasi ſelbſtändige Geſchichte des Drama, der Peerlkamp auch die Ueberſchrift gibt: Origo et progressus tragoediae et comoediae apud Graecos et Romanos. Aehnlich verſtehe ich Orellis, Krügers, Ritters Bemerkungen, aber keiner gibt den Nachweis, warum gerade hier dieſe Geſchichte eingeſchaltet wird. Mehr oder weniger wird die ars poëtica oft als eine Sammlung ungeordneter Aphorismen angeſehen. Was er jedoch weiter anführt, kann ich nicht vollſtändig billigen. Er ſagt nemlich: Knüpft ſich dieſe Geſchichte der Dramatik an die vorangehenden Klagen über die Verſifikation und Witze des Plautus an? und wie? Ich meine folgendermaßen und nur als eine nothwendige Epiſode: Das alte Rom hat die ſchlechte Verſifikation des Plautus u. a. doch gelobt und durch dieſe Nachſicht die römiſchen Dichter an Geringſchätzung der Form und Technik gewöhnt. Schade! denn ohne dieſen Mangel der Form ſtänden die römiſchen Dramatiker den griechiſchen ganz gleich in ſämmtlichen Gattungen des Dramaz erſtens in der Tragödie zeigt Ennius, Pakuvius, Accius ſo viel tragiſchen Geiſt und Schwung als Thespis, Aeſchylus und Sophokles; zweitens in der alten Komödie iſt z. B. Nävius dem Eupolis, Kratinus und Ariſtophanes, drittens in der neuen Komödie(postquam chorus obticuit) iſt z. B. Plautus und Cäcilius dem Philemon und Menander ebenbürtig ꝛc. Mir ſcheint Döderlein hier den Worten des Dichters etwas untergeſchoben zu haben, was derſelbe wohl nicht im Auge gehabt, nemlich eine Vergleichung ſämmtlicher Gattungen des Drama bei Griechen und Römern, ſowie eine Gegenüberſtellung nach allen Beziehungen der poetiſchen Geſtaltung, während Horaz doch nur, vom Metriſchen ausgehend, die Gleichgültigkeit ſeiner Landsleute und vorzugsweiſe der Komödiendichter in dieſem Punkte

tadeln will.(Vgl. S. 13.)