Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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195 was vorgeht, ſich nicht genau beziehen und nicht zur Sache gehören. Den Guten ſei er geneigt und ein freundlicher Berather; wenn ſie von Zorn erfüllt ſind, ſuche er ſie zu beſänftigen, oder wenn ſie ängſtlich Fehltritte zu vermeiden bemüht ſind, zeige er ihnen eine liebevolle Geſinnung. Er lobe ein beſcheidnes Mahl, er erhebe die ſegensreiche Gerechtigkeit, die Geſetze und die friedliche Ruhe bei

200 unverſchloßenen Thüren. Er berge das anvertraute Geheimnis; er flehe und bete zu den Göttern, daß das Glück dem Leidenden ſich gewogen zeige und die Uebermüthigen verlaße. Die Flöte, damals noch nicht durch Erz verbunden, eine Nebenbuhlerin der Poſaune, war ſchwach und einfach und mit wenigen Löchern verſehen, jedoch hinreichend, den Chorgeſang zu begleiten und zu tragen, ſo daß ſie

205 die noch nicht übervoll gedrängten Sitze mit ihrem Tone ausfüllen konnte, da hier nur eine leicht zählbare Menge zuſammenkam; denn das Volk war noch klein, nüchternen Sinnes, züchtig und voll Ehrfurcht gegen ſeine Oberen. Als es aber ſiegreich ſein Gebiet ausdehnte, und weitere Mauern ſeine Städte umgaben, als es an Feiertagen ohne Scheu ſchon am frühen Morgen zechte und aus⸗

210 ſchweifender Feſtluſt ſich überließ, ward auch dem Vers und der Muſik größere Freiheit zugeſtanden. Denn wie hätte der ungebildete Bauer, wenn er von ſeiner Arbeit feierte, in Geſellſchaft des Städters, der gemeine Mann neben dem vornehmen Herrn, den Kunſtgeſchmack, wenn dieſem Ver⸗ ſchlechterung drohte, berichtigen ſollen? So kam es, daß der Flötenſpieler zur alten Kunſt die

215 lebhaftere Bewegung und Ausſchweifung der Töne hinzufügte und im Schleppgewande auf der Bühne hin und her ſchritt. So ſchwoll auch der Ton der ſonſt ernſten Lyra höher, und die ſchwärmeriſche Beredſamkeit ſchuf eine ungewohnte Sprache, ſtrotzend von tiefſinnigen Weisheisjprüchen und ahnungs⸗ vollen Enthüllungen, ſo dunkel wie die delphiſchen Orakel.

220 Der Dichter, welcher im tragiſchen Liede um einen werthloſen Bock ſtritt, ſtellte bald auch die rohen Satyrn nackt dar und verſuchte ſich in derbem Scherze, unbeſchadet der tragiſchen Würde, weil er nemlich durch Reizmittel und anmuthige Neuheit den Zuſchauer feßeln wollte, der eben vom

225 Opferſchmauße kam, vom Wein berauſcht und ausgelaßen. Uebrigens muß man dergeſtalt die ſpot⸗ tenden und witzelnden Satyrn durch die Darſtellung zu heben, dergeſtalt den Ernſt und Scherz zu miſchen wißen, daß der auftretende Gott oder Heros, den wir vor kurzem noch in Purpur⸗ und Goldſchmuck geſchaut, nicht mit pöbelhafter Sprache in ſchlechte Kneipen hinabſteige, oder, um nicht

230 in den Ton des Alltagslebens zu verfallen, nach Schwulſt und leerem Schwalle haſche. So wird alſo die Tragödie, der es nicht anſteht, leichtfertige) Verſe zu ſchwatzen, gleich der Matrone, die am Feſttag tanzen muß, mit verſchämtem Widerſtreben) ſich in der loſen Satyrn Geſellſchaft mengen. Wenn ich Satyrſpiele ſchriebe, meine werthen Piſonen, würde ich nicht ganz gewöhnliche und ſchmuckloſe

235 Ausdrücke und Bezeichnungen wählen, ich würde nicht den Ton der Tragödie in dem Grad verlaßen, daß kein Unterſchied wäre, ob ein Davus und eine freche Pythias ſpricht, die dem alten Simo ein Talent abgezapft, oder Silen, der Wächter und Pfleger eines Götterjünglings. Dem geläufigen Sprachſchatz ⁶4)

240 würde ich meine Dichtung zu entlehnen ſtreben, ſo zwar, daß ein jeder ein Gleiches zu leiſten gedächte, aber trotz vielen Schweißes umſonſt ſich angeſtrengt hätte, nachdem er ein Gleiches unternommen. So

⁴²) Döderlein verſteht unter leves versus leichtfüßige Verſe, weil bei der gewöhnlichen Auffaßung(als leichtfertig,unziemlich) dieſe ganze dem Piſo dedicierte Inſtruction für das Satyrdrama gar keinen Wink über die Verſifikation enthalten würde. Allein dieſe Vorausſetzung iſt ſchon oben(vgl. S. 13) beſtritten worden. ³³) Im Lateiniſchen bloß paullum pudibunda. Ich habe durch den AusdruckWiderſtreben das tertium comparatio- nis nahe legen wollen. z 64) Hier folge ich der Erklärung Döderleins.