Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Er will nicht das glänzende Feuer in Rauch aufgehen, ſondern Licht aus dem Rauche ſich entwickeln laßen, ſo daß er allmählich die herrlichen Wunderſagen uns enthüllt von Antiphates, von der Scylla 145 und Charybdis, ſammt dem Cyklopen. Nicht beginnt er die Rückkehr des Diomedes mit dem Tode

des Meleager, nicht den trojaniſchen Krieg mit dem Zwillingsei der Leda, ſondern ſtets auf die Entwickelung zueilend, reißt er den Hörer mitten in die Handlung wie in eine allbekannte Sache hinein, läßt bei Seite liegen, was ſich nicht zu einer glänzenden Behandlung eignet, und weiß ſo ſchön 150 zu lügen, ſo Erdichtetes und Wahres zu miſchen, daß der Anfang nicht mit der Mitte, nicht die Mitte

mit dem Ende in Misklang ſteht.

Vernimm nun, was wir alle, ich und das Publikum, verlangen, wenn es dir um begeiſterte Zuhörer zu thun iſt, welche mit geſpannten Mienen auf ihren Sitzen bleiben, bis der Vorhang fällt, und 155 der Sänger ſeinKlaſchet Beifall! ruft. Zu merken haſt du dir den Charakter jedes Lebensalters, und den veränderlichen Naturen und Jahren ihr eigenthümliches Weſen zu verleihen. Der Knabe, der eben ſprechen und ſichern Fußes den Boden betreten kann, trägt Verlangen mit ſeines Gleichen zu ſpielen; er geräth leicht in Zorn, läßt ſich aber auch leicht wieder verſöhnen und verändert ſich 160 ſtündlich. Der bartloſe Jüngling, der endlich vom läſtigen Zwange des Hüters befreit worden, ergötzt ſich am Roſſetummeln, an Hunden und am Plan des ſonnigen Marsfeldes, leicht verführbar zum Böſen, ſtörrig gegen Ermahnungen, für das wahre Heil nicht ſehr beſorgt, verſchwenderiſch mit dem Gelde, nach hohen Dingen trachtend, doch das begierig Erfaßte ſchnell wieder aufgebend. Bald 165 ändern ſich die Neigungen, und bei höheren Jahren ſtrebt des Mannes Sinn nach Einfluß und Ver⸗ bindungen, er ſetzet alles an die Ehre, er lebt nach einem Plan 60) und hütet ſich etwas zu beginnen, das ihn gereuen müßte. Viel Ungemach beſchwert das Alter, theils weil der Greis zuſammenſcharrt, und aus Furcht zu darben ſich den Genuß des Erworbenen misgönnt, theils weil er alles kalt und 170 verzagt betreibt, indem er immer zögert, ſein Lebensziel hinausſetzt, peinlich den Augenblick verſtreichen läßté¹), und immer begierig nach der Zukunft hingewandt iſt, voller Schwierigkeiten, verdrießlich, ein Lobpreiſer der guten alten Zeit, da er noch Knabe war, ein Tadler und Verdammer der Jüngeren. Viel Gutes bringen uns die kommenden Jahre, vieles rauben die gehenden. Der Dichter hüte ſich 175 alſo, dem Jüngling das Weſen des abgelebten Greiſes, dem Knaben das des reifen Mannes beizu⸗ legen, und halte ſich immer an den eigenthümlichen, den Jahren angemeßenen Charakter.

Entweder wird eine Handlung anf der Bühne ſelbſt dargeſtellt oder bloß erzählt. Viel ſchwächer erregt dasjenige das Gemüth, was uns nur durch das Ohr zukommt, als was wir mit unſern 180 leiblichen Augen ſehen, und als Zuſchauer unmittelbar in uns aufnehmen. Gleichwohl darfſt du das nicht auf die Bühne bringen, was ſchicklicher hinter derſelben geſchieht, und du wirſt manches dem Anblick entziehen, das ſofort der beredte Augenzeuge erzählen kann. Medea darf nicht im Angeſichte 185 des Publikums ihre Kinder erwürgen, nicht der ruchloſe Atreus die Eingeweide auf der Bühne kochen, oder Prokne in einen Vogel, noch Kadmus in einen Drachen ſich verwandeln. Was auf ſolche Weiſe dargeſtellt wird, erregt Abſcheu oder Lachen. Soll das Stück gefallen und wiederholt zur Aufführung kommen, ſo ſei es nicht kürzer, aber auch nicht länger als 5 Akte. Eine Gottheit trete nur dann 190 auf, wenn der Knoten eine außerordentliche Löſung erheiſcht. Auch mühe ſich eine vierte Perſon nicht ab, ſich in den Dialog zu miſchen. Der Chor behaupte die Rolle eines Mithandelnden und bleibe ſeinem edeln Berufe getreu. Er unterbreche die Handlung nicht durch Lieder, die auf das,

60) Dieſe Worte ſtehen nicht im Orginal, können aber von Wieland aufgenommen werden. 3 Im Lateiniſchen bloßiners.