Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Darſtellung, ſo laß er dieſen raſtlos thätig ſein, jähzornig, unerbittlich, heftig, die ihm obliegenden Pflichten misachten, alles von der Entſcheidung des Schwertes abhängig machen. Medea ſei wild und unbeugſam, Ino thränenreich, Ixion gewißenlos, Jo nirgends zur Ruhe kommend, Oreſtes 125 kummervoll. Will er hingegen einen bisher noch nicht bekannten Stoff auf die Bühne bringen und eine neue Heldenrolle ſchaffen, ſo muß dieſe in jedem Augenblicke ſich ſo darſtellen, wie ſie von Anfang eingeführt worden, und ſie muß ſich immer gleich bleiben. Es iſt eine ſchwierige Sache, eine noch formloſe Materie poetiſch zu geſtalten ⁵⁴), und weit leichter iſt es, eine bekannte Dichtung, 130 wie die Ilias, in ein Drama umzuwandeln, als einen noch ganz unbekannten und unbearbeiteten Gegenſtand zuerſt vorzubringen. Auch die Behandlung eines noch unverſuchten Stoffes wird ſelbſtändig und eigenthümlich erſcheinen bb), wenn der Dichter nicht jene allgemein betretene Heerſtraße ein⸗ ſchlägt 56). Der Ueberſetzer ſoll nicht Wort für Wort des Originals ſklaviſch wiedergeben*), der 135 Nachahmer nicht ſo ſehr ſich einengen, daß ihn an der freieren Bewegung entweder die Scham oder ſeines Vorbilds Richtſchnur 5⁵) hindert. Nicht wirſt du dir jenen cykliſchen Dichter zum Muſter nehmen 5⁵³), der ſein Epos alſo anfieng: Priams Geſchick und die ruhmvollen Kämpfe vor Troja beſing' ich. Was bringt er nun, das dieſer pomphaften Verheißung entſpräche? Die Berge kreißen: heraus 140 kommt ein winziges Mäuslein. Wie viel trefflicher doch jener Sänger, der niemals Ungeziemendes hören läßt: Muſe, beſinge den Mann, der Sitten und Städte ſo vieler Menſchen geſehen, nachdem die mächtige Troja gefallen.

⁵4¹) Das von Horaz gebrauchte Bild ſcheint mir der deutſchen Ausdrucksweiſe nicht adäquat zu ſein. Ich hielt es darum für geboten, eine uns näher liegende Allegorie zu ſuchen, die denſelben Gedanken ausdrückt. Die Döderlein'ſche Ueberſetzung: Schwer iſt, Gemeingut immer in eignes Gut zu verwandeln habe ich aus demſelben Grunde nicht adoptiert, wenn ich gleich vollkommen in der Erklärung dieſer Worte ihm beipflichte.

⁵⁵) Ich ſtimme mit Döderlein vollkommen darin überein, daß der Ausdruckpublica materies privati juris erit

(V. 131) dasſelbe beſagt wiecommunia proprie dices(V. 128). Er überſetzt darum: Was noch Gemeingut war, verwandelt der Dichter in ſein Gut.

Communia(und publica materies) bezeichnet hiernach einen noch nicht behandelten Stoff, der gleichſam noch als ein Gemeingut zur beliebigen Benutzung vorliegt, deſſen ſich noch niemand bemächtigt hat; undproprie iſt proleptiſch zu faßen, wie obenimpariter«(V. 75), wonachproprie dicere bedeutetſo darſtellen, daß er(der Stoff) gleichſam einen beſtimmten Eigenthümer gewinnt(was dasſelbe ausdrückt, wieprivati juris erit). Ich habe indeſſen hier die frühere Allegorie(V. 128) nicht beibehalten, ſondern nach dem Vorgange des Dichters ſelbſt bei der Ueberſetzung im Ausdruck variiert.

⁵56) Auch hier glaubte ich ein anderes Bild als im Lateiniſchen wählen zu müßen, um der Verſtändlichkeit nicht zu ſchaden. Zur Erläuterung dieſer verſchiedenartig gedeuteten Stelle halte ich die kurze Bemerkung hier für nöthig, daß mir Horaz damit auf die triviale Manier der Chkliker anzuſpielen ſcheint, welche aus dem überlieferten Sagenkreiſe irgend einen Mythus herausgriffen und denſelben nach einem beſtimmten Muſter gleichſam ſchablonenartig bezrbeiteten.

⁵⁷) In der Interpungierung dieſer Stelle folge ich Döderlein.

⁵8) Nach Döderlein.

5⁰) Horaz hebt alſo hier ausdrücklich hervor:Auf die pomphafte Ankündigung des Stoffes kommt es nicht an, vielmehr auf die echte poetiſche Behandlung desſelben. Hierdurch fällt zugleich ein Licht auf die vorausgehende Stelle(deren Erklärung und Beziehung ich in der ²¹) Anm. beſprochen habe) in folgender Weiſe: Ebenſo macht es auch für die Beur⸗ theilung des Dichterwerthes keinen Unterſchied, ob man einen überkommenen oder einen neuen Stoff behandelt, wohl aber hat in beiden Fällen der Dichter das oberſte Geſetz nicht aus dem Auge zu verlieren, daß er ſtets die Natur belauſche und das Wirkliche unverfälſcht zur Darſtellung bringe.