Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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19 wie ſollten da die Wörter dauernd in Gunſt und Anſehen ſich erhalten können? Viele, die bereits abgeſtorben, werden wieder Leben gewinnen, und andere, die jetzt von gutem Klange ſind, werden hinſchwinden, wenn der Gebrauch es will, welcher allein die Wahl, das Geſetz und die Regel des Sprechens feſtſtellt.

In welchem Rhythmus Thaten der Könige und Heerführer und traurige Kriege zu beſingen ſeien, hat Homer gezeigt. Im Diſtichon ⁵²) ſprach ſich zuerſt die Klage aus, ſpäter auch der Ausdruck zufriedener Stimmung. Wer jedoch zuerſt den elegiſchen Vers eingeführt, darüber ſtreiten die Gelehrten, und die Sache iſt noch immer nicht entſchieden. Den Archilochus bewaffnete die Wuth mit ſeinem Jambus. Dieſen Fuß nahm auch die Komödie und die ernſte Tragödie auf, da er zum Wechſelgeſpräch ſich eignete, das Volksgetöſe im hallenden Theater übertönte und zur Handlung wie geſchaffen ſchien. Die Muſe verlieh der Leier, Götter und Götterſöhne zu beſingen, den Sieger im Fauſtkampf, und das Roſs, im Wettlauf ſiegend, der Jünglinge Liebespein und die freie Luſt des Gelages.

Wenn ich die angemeßenen Rhythmen und die Färbung einer jeden Dichtung nicht feſtzuhalten weiß und vermag, bin ich berechtigt, auf den Namen eines Dichters Anſpruch zu machen? Würde ich nicht beßer mich belehren laßen, als aus falſcher Scham in meiner Stümperei beharren? Ein komiſcher Stoff will nicht auf tragiſchem Kothurn behandelt werden; eben ſo wenig läßt ſich das Mahl des Thyeſtes im Geſellſchaftston oder etwa in der Sprache der Kom ödie darſtellen. So muß der für jede Dichtart durch die Natur beſtimmte Ton ſeine Stelle gebührend behaupten. Indes zuweilen erhebt auch die Komödie ihren Ton, und Chremes, zornentbrannt, ſchilt mit aufwallender Rede; wogegen der Tragiker zumeiſt mit gedämpfter Stimme den Schmerz zu erkennen geben läßt, wie Telephus und Peleus, beide dürftig und verbannt, das hochtrabende und ſchwülſtige Weſen und die ellenlangen Worte von ſich werfen, wenn ſie des Hörers Herz mit ihren Klagen rühren wollen.

Es iſt nicht genug, daß eine Dichtung ſchön ſei, ſie muß auch lieblich ſein und des Hörers Geiſt mit ſich fortreißen. Wie wir lachen, wenn wir einen andern lachen ſehen, ſo bilden ſich auch unſere Mienen nach dem Antlitz eines Weinenden. Willſt du, daß ich Thränen vergießen ſoll, ſo mußt du ſelbſt zuerſt in Trauer ſein. Dann wird mich dein Unglück, Telephus und Peleus, rühren. Doch wenn du Worte vorträgſt, welche ohne Erregung gedichtet ſind, ſo werde ich einſchlafen oder lachen. Dem Traurigen geziemt die Sprache und Miene der Betrübnis, dem Zornerfüllten heftiges Dräuen, dem Heitern Scherz, dem Ernſten Würde. Denn von Natur wird zuerſt unſer Inneres nach jeder Lage der äußern Verhältniſſe ergriffen; wir werden freudig erregt, oder zum Zorn getrieben, oder durch laſtenden Kummer zu Boden gedrückt und geänugſtigt; dann erſt äußert ſich die Bewegung der Seele durch deren Dolmetſcherin, die Sprache. Wenn die Worte dem Zuſtande der redenden Perſon nicht entſprechen, ſo wird das geſammte römiſche Publikum in ein ſchallendes Gelächter ausbrechen. Es wird ferner ſehr viel darauf ankommen, ob ein Gott oder ein Heros ſpricht, ob ein durch das Alter gereifter Greis oder ein lebensfriſcher, glühender Jüngling, ob eine gebietende Matrone oder eine geſchäftige Amme, ob ein umherſchweifender Kaufherr oder der Bebauer eines wohlbeſtellten Landgutes, ob ein Kolchier oder Aſſyrier, ob ein Thebaner oder Argiver.

Der Dichter folge entweder der Ueberlieferung, oder wenn er einen neuen Stoff erfindet, nehme er ſich das Wahre der Natur zum Muſter. Bringt er etwa den Heerführer ⁵³) Achill wieder zur

⁵²) Wörtlich läßt ſich das nach Döderleins Erklärung proleptiſch geſagte impariter nicht überſetzen. ) Nach der Döderlein'ſchen Erklärung.

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