Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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40 Wenn der Gegenſtand ſo gewählt iſt ¹ꝛ), dann wird weder die lichtvolle Ordnung des Ganzen noch die Kunſt des Ausdrucks mangeln. Zum Weſen dieſer Ordnung gehört es, und ihren Haupt⸗ reiz macht es aus, wenn ich mich nicht täuſche, daß der Dichter zu jeder Zeit das ſage, was zu jeder Zeit zu ſagen iſt, und daß er das meiſte aufſchiebe und für jetzt nicht vorbringe.

45 Aber auch in der Verknüpfung der Wörter wird der Vertreter einer viel verſprechenden Dichtung 48) mit Feinheit und Behutſamkeit dieſen Ausdruck vorziehen, jenen verſchmähen. Er ⁴³) wird der Rede Schönheit verleihen, indem er durch eine ſinnige Verbindung einem allbekannten Worte ein neues Anſehen gibt. Und wenn es nöthig iſt, früher unbekannte Dinge paſſend zu bezeichnen, ſo

50 wird es auch ihm ⁴⁹) gelingen, Worte zu bilden, welche die halbbekleideten Cetheger noch nicht gehört. Dieſe Freiheit wird ihm) geſtattet ſein, wenn er ſie beſcheiden gebraucht. So werden auch neue Wortbildungen, aus griechiſchen Quellen fließend, ſich Geltung zu verſchaffen wißen, wenn ſie mit

weeiſer Maßhaltung nachgebildet ſind 50). Warum doch ſollte der Römer dem Plautus und Cäcilius

55 verſtatten, was er dem Virgilius und Varius verweigerte? Und warum wollte man mir es mis⸗ gönnen, wenn ich den Sprachſchatz ein wenig bereichern kann, da ja auch des Cato und Ennius Rede den vaterländiſchen Ausdruck erweitert und neue Begriffsbezeichnungen geſchaffen hat? Geſtattet war es immer und wird geſtattet bleiben, ein Wort mit ſcharfer Prägung einzuführen. Wie die

60 Wälder im Lauf des Jahres ſich verändern, indem der frühere Laubſchmuck abfällt), ſo ſchwindet auch der alten Wörter Geſchlecht, und die neu ins Leben getretenen blühen und gedeihen, wie der Menſch im Jünglingsalter. Wir ſelbſt und alles, was wir geſchaffen, fällt dem Tod anheim. Mag Neptun, vom Lande eingeſchloßen, unſere Flotte vor den Stürmen ſchützen, ein königliches Werk;

65 mag der Sumpf, der lange unfruchtbar, nur des Ruders gewohnt war, nun die benachbarten Städte nähren und den laſtenden Pflug fühlen; mag der den Saaten verderbliche Fluß ſeinen Lauf geändert haben, angewieſen, ein beßeres Bett zu durchſtrömen: der Menſchen Werk wird zu Grunde gehen;

4⁷) Indem ich die Worte»cui lecta potenter erit res wie Ritter und die meiſten Erklärer auffaße, kann ich der völlig abweichenden Interpretation Döderleins(Wer nur erſt die Gedanken, die rechten, gefunden, u. ſ. w.) nicht beipflichten. Statt daß die Wichtigkeit jener Selbſtprüfung hier und gleich weiter unten(V. 46) aufs nachdrücklichſte nochmals hervorgehoben wird, was mir den beſten Sinn zu geben ſcheint, würde nach der Döderlein'ſchen Erklärung eine neue Vor⸗ ſchrift folgen(von der Sammlung der Gedanken),, doch ſo, daß dieſelbe ganz iſoliert angekündigt würde, ohne weiter berückſichtigt zu werden.

4) Offenbar beſagtpromissi carminis auctor dasſelbe wiecui lecta potenter erit res(V. 40). Unter einem promissum carmen iſt nemlich eine ſolche Dichtung zu verſtehen, welche in einem ganz beſtimmten Tone, Charakter, Stile von vorn herein entweder ſich ſelbſt ankündigt oder vom Dichter angekündigt wird, ſo daß der Leſer zu entſchiedenen Erwartungen berechtigt iſt.Vertreter(auctor) einer ſolchen Dichtung iſt derjenige, welcher bis zu Ende jenen Ton, Charakter, Stil feſtzuhalten verſteht eben um deswillen, weil er den Stoff ſeinen Kräften entſprechend gewählt, weil er ſeine Leiſtungsfähigkeit gebührend geprüft, weil ihn eine richtige Reflexion vor dem Beginne ſeines Werkes geleitet hat. Die Erklärer(außer Ritter) ſcheinen mir über dieſe Stelle etwas zu flüchtig hinweggegangen zu ſein.

4) Ich habe geglaubt, gegen das Verfahren der Ueberſetzer unſerer Epiſtel, hier das, was ſcheinbar allgemein ausge⸗ drückt iſt, noch auf den auctor promissi carminis beziehen zu müßen. Offenbar hat nemlich der Dichter dieſe Beziehung im Sinne gehabt, und nur der Variierung des Ausdrucks halber die generelle Form gewählt. Wobei ich zugleich nicht umhin kann Rittern beizupflichten, der das von den meiſten Herausgebern ohne Grund hinter rerum(V. 49) geſtrichene et im Sinne von etiam wieder in den Text aufgenommen hat.

5⁰) Dieſe Stelle iſt ſehr verſchieden gedeutet worden. Mir ſcheinen die von Meineke(praefat. pag. X) beigebrachten Beiſpiele die Sache am beſten aufzuhellen: inaudax== Aroduuog, prodocet= 90640,GGvel, trepidare in usum vitae= o0Serdt elg Siorow etc.(Womit auch Paſſow zu vgl. in ſ. griech. Lex. ad voc. giæro dritte Bedeutung, S. 620.) Man faßt wohl meiſtens dieſe Stelle in zu engem Sinne.

51) Mit Döderlein beziehe ich dieſe Worte nicht auf den Herbſt, ſondern auf den Frühling.