Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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ſeines Zeitalters für ihn ein überwundener Standpunkt geworden. Er hatte einerſeits zur Genüge ſich aus⸗ geſprochen und alles deſſen, was ihm auf dem Herzen war, was ihm zu ſchaffen machte, ſich entäußert in ſeiner eigenthümlichen Weiſe, wie ich dieſelbe in meiner vor vier Jahren veröffentlichen Abhandlungüber das Weſen der horaziſchen Satire näher charakteriſiert habe, andererſeits hatte er auch hinreichendes Terrain gewonnen, um ſein eignes beßeres Selbſt, deſſen er ſich bewußt war, der Erbärmlichkeit, Ver⸗ ſchwommenheit und Charakterloſigkeit der meiſten ſeiner Zeitgenoßen gegenüber, behaupten zu können, ohne weiter der ſatiriſchen Ausfälle und Angriffe zu bedürfen, die bei ſeinem erſten Auftreten in der Geſell⸗ ſchaft ihm unerläßlich erſchienen waren, um ſeine Individualität zur Geltung zu bringen. Er konnte jetzt, nachdem er in den Freundeskreis des Auguſtus und Mäcenas aufgenommen war und ſein hinreichendes Auskommen gefunden hatte, nachdem er ſelbſt das Bewußtſein gewonnen durch ſeine Poeſien Anſprüche auf Unſterblichkeit begründet zu haben, den ſatiriſchen Griffel bei Seite legen, er konnte, unbeirrt durch die Verblendung ſeines Zeitalters, heiterem Lebensgenuß, weiſer Selbſtbetrachtung und Selbſtveredlung und unverkümmerten poetiſch⸗kritiſchen und philoſophiſchen Studien ſich überlaßen. Aber gerade hier ſammelte ſich bei ihm allmählich von neuem ein reicher Stoff zur Satire an, und mit je größerem Intereſſe er ſeine Lieblingsſtudien in ſpäteren Jahren verfolgte, um ſo empfindlicher waren für ihn die Abgeſchmackt⸗ heiten, denen er auf dem Felde der Litteratur, zumal bei ſeinen Zeitgenoßen, begegnete, und nachdem er vielfach im ernſten Ton, in harmloſer Geſprächsform, im gefälligen Brieſſtiel ſeine äſthetiſch⸗kritiſchen Grundſätze in ſeinen Epiſteln niedergelegt, ohne damit durchzudringen, ohne in gewiſſen Kreiſen Billigung zu finden, indem er vielmehr durch die hämiſche Verfolgungsſucht, die Dummheit, den Neid, die Bosheit der Dichterlinge ſeines Zeitalters vielfach zu leiden hatte, ſo drängte es ihn, einmal recht gründlich ſeine Herzensmeinung auszuſprechen über jene Abirrungen ſeiner Zeitgenoßen auf dem Felde der Poeſie, um den großen Schwarm ſchlechter und mittelmäßiger Dichter, die ſich damals nicht minder breit machten, wie auch in ſpäteren Zeitaltern, in ihrer ganzen Blöße und Verächtlichkeit darzuſtellen. Dieſes Vorhaben mußte bei ſeiner eigenthümlichen Geiſtesrichtung eben nur die Form der Satire gewinnen. Jene poetiſchen Wichte waren es alſo, die ihm auf ſeiner letzten Lebensſtation zu ſchaffen machten und aufs neue den Spott in ihm weckten, deren Verkehrtheiten und Anmaßungen er, gegenüber den Anforderungen einer geläuterten und ſtrengen Kritik, in der ars poëtica oder der epistola ad Pisones an den Pranger ſtellt. Daß nun auch dieſe äſthetiſch⸗kritiſche Satire alle die Merkmale und Vorzüge zeigt, welche wir bei den eigentlichen ſati⸗ riſchen Poeſien unſers Dichters zu bewundern Veranlaßung gefunden hatten, wird im Verlaufe der vor⸗ angehenden Entwickelungen dem aufmerkſamen Leſer nicht entgangen ſein. Ich halte es darum für überflüßig, hier nochmals ausdrücklich auf die einzelnen feinen Züge der Darſtellung, welche den Hauptreiz der horaziſchen Satire ausmachen, hinzuweiſen; namentlich auch wird die Beziehung der Piſonen keiner weiteren Demonſtration bedürfen, und ich glaube, hiermit zur Genüge meine Hypotheſe über das ſatiriſche Moment dieſer Dichtung unterſtützt zu haben. Nur ſo übrigens, wenn man ein ironiſches Motiv in derſelben warnimmt läßt ſich nach meiner Meinung ein Zuſammenhang des Ganzen finden, und mir wenigſtens geſtaltet ſich alles einzelne in trefflichſter Uebereinſtimmung. Ohne dieſe Vor⸗ ausſetzung jedoch müßte ich für meinen Theil an der Möglichkeit, eine wohldurchdachte und durchge⸗ führte Gliederung in dieſer Epiſtel aufzufinden, ebenſo faſt verzweifeln wie D derlein)) und offen geſtanden würde mir ſonſt gerade die erſte Vorſchrift, womit Horaz beginnt

³⁵) Dieſer legt nemlich in ſeiner neuſten Ausgabe der Epiſteln am Schluße ſeines Werks folgendes Geſtändnis ab: Ich könnte mich veranlaßt fühlen, am Schluß die vorliegende Dichtung noch in ein ähnliches Schema zu bringen, wie