Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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mittelmäßigen und ſchlechten Dichter, deren Geiſelung beabſichtigt iſt, ſollen veranlaßt werden, das Ganze bis zu Ende zu leſen, wo ihnen der ſatiriſche Todesſtoß beigebracht wird. Es iſt ihnen zwar ſchon manche Andeutung gegeben, daß ſie zur Erkenntnis ihrer Erbärmlichkeit gelangen könnten. Aber ſie ſollen nicht um im Bilde zu ſprechen vor dem Ausſpielen des letzten Trumpfs das Spiel verlaßen. Sie ſollen vorerſt glauben, das alles gelte nicht ihnen, ſondern ſei direkte Belehrung für die Piſonen, insbeſondere

für den ältern Sohn. Darum zeigt ſich, je ſpecieller Horaz auf die ſchlechten Dichter ſich in Gedanken bezieht, deſto mehr hebt er formell die Beziehung auf die Piſonen hervor. Und ſo greift er, nachdem er kaum 19 Verſe vorher(V. 366) in pathetiſcher Form ſeine Piſonen angeredet, alsbald wieder(V. 385) dieſe Paräneſe auf und ſo ſpricht er auch im folgenden Abſchnitt(V. 419 452) nur zu Piſo: Bei dieſem Streben nach vollendeter Meiſterſchaft laße ſich der Dichter durch elende Schmeichler nicht berücken. Er gibt ihm nemlich gute Rathſchläge für eventuell zu publicierende Dichtungen. Wenn er nun(V. 427 sqq.) ihm anräth, für den Fall, daß er eine Dichtung dem Urtheil eines Freundes unterbreiten wolle, dieſen Freund nicht erſt zu beſchenken, weil dann ſein Urtheil beſtochen ſein würde, ſo iſt dies mithin offenbar eine ironiſche Wendung; denn er denkt dabei nicht im allerentfernteſten an Piſo ſelbſt, ſondern er hat ganz beſtimmte Fälle und Perſonen im Auge, im Hinblick auf die abgeſchmackte Recitationsmanie ſeines Zeitalters.

Nachdem nun diejenigen Leſer, denen alles Bisherige eigentlich zu Gehör geſagt iſt, auf dieſe Weiſe arglos und gleichſam ſicher gemacht unſerm Dichter gefolgt ſind, ſo läßt er plötzlich ſeine Maske fallen und er ertheilt ſchonungslos den poetiſchen Stümpern ſeine ſatiriſchen Geiſelhiebe in der Schlußſtelle(V. 453476), indem er ſcheinbar auf das Kapitelquo virtus ferat(von V. 366 452) das letzte mit dem Mottoquo ferat error(vgl. V. 306 308) folgen läßt:Schlechte, halbe, mittelmäßige Dichter ſind in ihrer Aufgeblaſenheit, Selbſtüberſchätzung, Selbſtverblendung nur inkurabeln Raſenden zu vergleichen, deren Wahnſinn bei ihrer Recitierwuth obendrein höchſt gefährlich iſt.

Hiernach dürfte wohl die Grund⸗Idee der ars poëtica in folgenden Sätzen ſich zuſammen⸗ faßen laßen: Alle Dichtung bleibt ohne Wirkung, wenn ſie nicht ergötzt. Sie ergötzt aber nur, wenn ſie in jeder Beziehung vollendet iſt. Dann iſt ihre Wirkung auch wahrhaft wunderbar. Iſt hingegen eine Dichtung mittelmäßig, ſo verfehlt ſie nicht bloß völlig ihre Wirkung, ſondern der Dichter macht ſich ſelbſt im höchſten Grade lächerlich. b

Nachdem wir ſo einen Ueberblick über die ganze epistola ad Pisones gewonnen, habe ich nun meine Anſicht über den ſatiriſchen Charakter derſelben näher zu begründen.

Der Spott unſers Dichters manifeſtiert ſich hier in einer andern Weiſe als in den eigentlichen Satiren, nicht in Hinſicht der Form und Manier der Darſtellung, vielmehr in Anbetracht des Motivs zur Verſpottung. In den Satiren ſind es nemlich vorzugsweiſe moraliſche Abirrungen, gegen die Horaz zu Felde zieht. In gereifteren Jahren aber war das Verſpotten der ethiſchen Gebrechen und Thorheiten

der Freundſchaft mit ihm zu konverſieren, aber dies iſt nur eine Gelegenheit für einen ſatiriſchen Geiſelhieb, der einer andern(dem Angeredeten wohl bekannten) Perſon liſtig beigebracht werden ſoll. Der Satiriker erreicht nemlich durch dieſes Verfahren mitunter ſeinen Zweck beßer, als wenn er ſeinen Gegnern ſich unmittelbar gegenüberſtellt. Dieſe erfahren

wenigſtens auf ſolche Art ſicherer, was ihnen zu Gehör geſagt iſt, indem ſie ſich durch die maskierte Apoſtrophe beſtimmen laßen, in den Ideenkreis des Satirikers einzugehen.