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menſchliche Gemüth auszuüben, den die Sage als Wunder bezeichnet,— und der in der That wunderbar iſt, wenn man die Geſchichte der Litteratur und Kultur ver⸗ folgt**). Aber auch nur dann, wenn der Dichter die höchſte Staffel der Vollkommenheit erklommen,— wozu nicht nur Genie, ſondern nicht minder der angeſtrengteſte Fleiß erforderlich iſt— läßt ſich dieſe wunderbare Wirkung ermöglichen.“
Horaz richtet ſeine Worte an den ältern Sohn des Piſo, wie wenn er dieſen zu den größten Kraftanſtrengungen ermuntern, und als wenn er ihm zeigen wollte, daß die Beſchäftigung mit der Dichtkunſt des Schweißes der Edeln werth ſei. Aber dieſe direkte Beziehung auf Piſo oder auf die Piſonen, welche überhaupt der ganzen Dichtung formell zu Grunde liegt ²s), iſt nur ſcheinbar die Haupttendenz. Sie dient ihm vielmehr nur dazu, ſeinen ſatiriſchen Zweck zu maskieren. Die
³⁷) Hier muß ich die Döderleinſche Anm. zu Vers 391 theilweiſe ausſchreiben, weil dieſelbe auf die Entſtehung der vorliegenden Abhandlung Beziehung hat(vgl. Anm. ²).
„Wie dieſe hier gar nicht zu erwartende„„Geſchichte der griechiſchen Poeſie““ mit dem Vorigen zuſammenhängt, iſt von mir ausführlicher in den Verhandlungen der Philologen⸗Verſammlung in Altenburg 1855 erläutert. Hier eine kürzere Darſtellung. Mit dieſer ganzen Stelle(V. 391— 407) rechtfertigt Horaz ſeine ſcheinbar anmaßende Zumuthung, daß Piſo ſeine Gedichte auch ihm zur Kritik vorlegen ſolle(vgl. V. 387), weil er nur ein lyriſcher Dichter ſei, mithin ihm über Dramen kein Urtheil zuſtehe; um ſo weniger, als in der öffentlichen Meinung lyricorum jucunditas cothurno et heroici carminis sono(Tac. Dial. 10) nicht ebenbürtig ſei. Dieſe Epiſode nun ſoll den hohen Werth der Lyrik und hiemit ſeine, des Lyrikers, Befähigung zum Mitſprechen darthun. Denn„„die älteſten Dichter und die größten Wohlthäter der Menſchheit, Orpheus und Amphion, waren Lyriker. Erſt nach ihnen(denn post hat den Nachdruck und ſchließt deshalb den Begriff demum in ſich) trat Homer auf, erſt nach ihnen entſtanden die übrigen Gattungen der Poeſie, Kriegslieder, Orakelſprüche, gnomiſche und Hofpoeſie, und zuletzt das Drama. Darum ſchäme dich nicht, auch der Lyrik in meiner Perſon jene Ehre zu erweiſen.““ Dieſe Anwendung der ganzen Epiſode liegt deutlich in den Schlußworten:„ne forte pudori sit tibi Musa lyrae sollers et cantor Apollo.““ Und doch tragen die neuſten Ausleger kein Bedenken, unter der„„Musa sollers«“ und dem„„cantor Apollo““ die geſammte Poeſie zu verſtehen, gleich als wenn„„lyrae““ nicht ausdrücklich beigeſetzt und als ob„„Apollo““ der Gott der Dichtkunſt überhaupt wäre. Wem wird wohl Orellis Motivierung des auffallenden Umſtandes genügen, daß Horaz gerade hier, im zweiten, paränetiſchen Theil der Epiſtel, und nicht im erſten, didaktiſchen Theil eine Geſchichte der Poeſie einſchiebt? Man höre:„„A vatibus mythicis, quos dii inspirarant, transit ad historiam poësis certae ac verae apud Graecos, sed poëticam, id quod interpretes nondum satis per- Penepe eam dico, quae liberiori poëmati didascalico unice conveniret.““« Noch leichter geht Ritter darüber
inweg.“
Indem ich ſo meine eigne Anſicht oben der Döderlein'ſchen gegenübergeſtellt habe(wobei ich zugleich auf meine Ueber⸗ ſetzung dieſer Stelle nebſt den Anm.*²⁶),**) und ²) verweiſe), unterbreite ich dieſelben der Beurtheilung unbefangener Sachverſtändigen. Einer ſpecieller eingehenden kritiſchen Beleuchtung der entgegenſtehenden Meinungen darf ich mich wohl hier überhoben erachten, nachdem ich ja alles Weſentliche, was ich dagegen geltend zu machen habe, bereits in dem Voraus⸗ gehenden vorgebracht habe, und weil es hier angemeßener erſcheint, das Ganze gegen das Ganze zu halten,— wie ich ſchon gelegentlich angedeutet,— als das Einzelne von dem Totalzuſammenhang der Ideen loszutrennen und iſoliert zu unterſuchen, infofern eben in der Epiſtel an die Piſonen nicht ein Konglomerat didaktiſcher Sätze, ſondern eine tief durch⸗ dachte Kompoſition unſers Dichters vorliegen dürfte.
³⁵) Wenn man aufmerkſam alle die Stellen betrachtet, an welchen Horaz direkt ſich an die Piſonen wendet, ſo wird man finden, daß er nur die Miene eines wohlwollenden Freundes annimmt, der wie mit Gleichgeſinnten ſich unterhält, denen er ſogar ſich ſelbſt gleichgeſtellt(ogl. V. 25). So wenig man nun wird annehmen wollen, daß Horaz im Ernſt ſich für einen poetiſchen Stümper habe ausgeben wollen, wenn er ſagt(V. 24 sq.):
„Wir Dichter, mein lieber Piſo! und ihr, meine jungen Freunde, die ihr eures Vaters Namen mit Ehren traget! wir alle faſt fehlen darin, daß wir uns durch den Schein des Richtigen täuſchen laßen“— eben ſo wenig wird man unterſtellen, daß er die Piſonen wegen der gerügten Mängel und noch anderer Abirrungen habe zurechtweiſen wollen, um ſo weniger, wenn man erwägt, daß er ausdrücklich dem Vater ſeiner jungen Freunde, einem feinen Kritiker(vgl. V. 388), die Epiſtel mit dediciert hat. Die Beziehung auf die Piſonen kann nach meinem Dafürhalten alſo nicht paränetiſch, vielmehr alles, was einen ſolchen Anſtrich hat, nur ironiſch gefaßt werden. Es gehört dies eben zur Manier unſers Dichters, der wir in ſeinen Satiren nicht ſelten begegnen: Er ſcheint ein einzelnes Individuum anzureden und im Tone


