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ſtungsfähigkeit einräumt, keineswegs aber auf das Kritiſieren der Poeten und ihrer Produktionen verzichtet. Die Dispoſition, welche er am Schluße dieſes Abſchnitts aufſtellt in Hinſicht auf ſein kritiſches Verfahren für den Reſt der Dichtung ³0), iſt offenbar nicht buchſtäblich zu nehmen— wie ſchon oben(S. 7) angedeutet worden;— wie überhaupt der nun beginnende zweite Haupttheil der ars poëtica einen vorwiegend humoriſtiſch⸗ſatiriſchen Charakter an ſich trägt,— welche Anſicht weiter unten näher begründet werden wird. Er nimmt ſcheinbar die Miene an, als ſei alles Vorausgehende nur Einleitung geweſen ³¹), und als wolle er jetzt recht ſyſtematiſch ſeine Materie durchſprechen ⁵²). Schon dies allein läßt vermuthen, daß dieſe Dispoſition nicht ernſtlich, nicht ängſtlich feſtgehalten wird, indem ja zwei Drittel des Ganzen bereits abgehandelt ſind. Wir werden überhaupt finden, daß er hier vielfach bereits Erörtertes und theilweiſe früher nur Angedeutetes abermals zur Sprache bringt(vgl. das zu V. 42 und 44 Bemerkte). Wenn er alſo„neue Geſichtspunkte“ aufſtellt, ſo geſchieht dies nur ſcheinbar s), die leitenden Grundgedanken kehren auch da immer wieder und finden nur inſofern eine Erweiterung, als noch ein ſatiriſches Moment hinzutritt. In dieſem Sinne alſo kann man hier einen zweiten Haupttheil beginnen laßen.
Ganz in didaktiſchem Ton hebt er nun zunächſt an(V. 309— 322) mit Beantwortung der Frage »„unde parentur opes,“— woher die Befähigung zum Dichten gewonnen werde. Als das Fundament bezeichnet er eine philoſophiſche Durchbildung⁴). Horaz verſteht dieſelbe ſo: Die Vorſchule des Dichters muß das Studium der ſokratiſchen Philoſophiess) ſein, die im eigentlichen Sinne des Worts praktiſche Lebensphiloſophie iſt. Der Dichter ſoll nemlich ein tiefer Menſchenkenner ſein, er ſoll an ſich ſelbſt den Inbegriff alles Reinmenſchlichen gleichſam verkörpert darſtellen, d. h. er ſoll nach keiner Seite des Ethiſchen hin ſich exkluſiv verhalten, vielmehr in alle Tiefen des Gemüths⸗ und Seelenlebens einzudringen verſtehen. Nur dadurch wird er befähigt werden, jeden Charakter getreu und naturwahr darzuſtellen, worauf eben alles ankommt, indem ohne dieſe Richtigkeit der Zeichnung auf den Beifall des Leſers nicht gerechnet werden kann— eben die alte Lehre(V. 86—178), die nur in anderer Form friſch eingeſchärft wird.
„An den Griechen könnt ihr ſehen,“ fährt Horaz fort(V. 323— 332),„daß Demokrits Anſicht
„(ogl. V. 295— 308) nicht ſtichhaltig iſt. Bei ihnen war Genie und Sorgfalt in der Ausfüh⸗
³⁰) V. 306 sqq.: Munus et officium, nil scribens ipse, docebo, Unde parentur opes, quit alat formetque poetam, Quid deceat, quid non, quo virtus, quo ferat error.
*¹) V. 304— 308, welche Stelle deshalb auch ganz paſſend zu Anfang ſtehen könnte, wenn Horaz nemlich eine ars postica im eigentlichen Sinne des Worts hätte ſchreiben wollen.
³²) V. 309.
*³) Hierdurch trete ich zu meinem Leidweſen abermals in Widerſpruch mit Döderlein, welcher nemlich hier folgendes anmerkt:„Dieſe zwei Verſe(307 und 308) enthalten die Ueberſicht und Partition für den ganzen Reſt des Briefes, wie Ritter treffend nachweiſt. Die Erforderniſſe eines Dichters ſind 1) philoſophiſche Studien, beſonders der Ethik(V. 309— 322), 2) eine ideale und poetiſche Geſinnung, ungetrübt durch materielle Intereſſen(V. 323— 332), 3) Kenntnis der poetiſchen und ſpeciell der dramatiſch⸗theatraliſchen Technik, welche jedoch einzelne Verſtöße leichter erträgt als die 2 erſten Erforderniſſe (V. 333— 365), 4) Freiheit von 3 häufigen Fehlern der Dichter: I. Dichter ohne natürlichen Beruf(V. 366— 384), II. Abneigung gegen eignen Fleiß und fremde Kritik aus falſchem Selbſtvertrauen(V. 385— 452), III. Enthuſiasmus bis zur Narrheit(V. 453— 476).“
³⁴) Hierauf Bezügliches enthält ſchon der 1. Abſchnitt.
³³) Warum Döderlein nicht ſpeciell auf die ſokratiſche Schule den Ausdruck„Socraticae chartae“(V. 310) bezogen haben will, ſondern denſelben allgemeiner als„philoſophiſche Schriften“ faßt, kann ich nicht einſehen.
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