Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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Ut jam nunc dicat jam nunc debentia dici,

Pleraque differat et praesens in tempus omittat. 4 ²²) Diejenigen Worte, welche wirklich als Leitfäden der Deduktion zu betrachten, ſind einestheils V. 148152, wo er mitauditorem rapit hervorhebt, daß die Spannung des hörenden Publikums um jeden Preis wach gehalten werden müße, und anderntheils die Stellen, durch welche er betont, daß der Dichter ſich in der Charakterzeichnung getreu an die Natur halten müße, daß er mithin die Dinge nicht darzuſtellen habe, wie ſie ſein ſollen, ſondern wie ſie ſind ²³), alſo V. 120 124 und 125 127. Von welcher Wichtigkeit nach Horazens Anſicht die Berückſichtigung eben dieſer Vorſchrift ſei, ſpringt in die Augen, wenn man erwägt, daß nicht bloß das unmittelbar Vorausgehende(V. 86 98) im Grunde auf dasſelbe hinausläuft, ſondern auch unſer Dichter in dem zunächſt Folgenden(V. 153 178) eben darauf zurückkommt. Daß übrigens Horaz ein ſo großes Gewicht auf dieſe Vorſchrift legt, ſcheint mir darin begründet, daß ſeine äſthetiſche Theorie mit denen der namhafteſten Kritiker ſeiner eigenen und früherer Zeiten in manchen Punkten kontraſtierte. Man vergleiche nur, wie er ſelbſt den Homer beurtheilt(nicht bloß in der ars poëtica(V. 140 152), ſondern namentlich in Epist. I, 2, 131) mit den Anſichten Platos im zweiten Buch ſeiner Republik.

In welchem innigen Zuſammenhange das Folgende(V. 153178) mit dem Vorhergehenden ſtehe, habe ich bereits gezeigt ²4⁴). Die meiſten Herausgeber glauben, hier beginne der zweite Haupttheil der Dichtung, wo ſpecielle Vorſchriften für den dramatiſchen Dichter ertheilt würden. Indeſſen ſchon aprioriſch muß eine ſolche Annahme bekämpft werden, da ja kein Lehrgedicht nach feſtgeſtellten Rubriken vorliegt. Vielmehr nur beiſpielsweiſe geht Horaz nun zum Drama über. Hätte er wirklich nun das Kapitel von der dramatiſchen Poeſie abhandeln wollen, ſo würde er nicht ſeine Andeutungen, die er über dieſe Dichtart gibt, nur ſo aphoriſtiſch, ſo wenig erſchöpfend vorgebracht haben. Einzelnes kann ja auch gar nicht direkt aufs Drama bezogen werden und iſt offenbar allgemeiner zu faßen, wie die Schilderung des Knabenalters(V. 158 160), von welcher im Drama nie eine Anwendung gemacht werden konnte ²⁵), ſo daß ſchon daraus erſichtlich iſt, daß das, was Horaz über das Drama hier ſagt, mehr oder weniger auch für die übrigen Gattungen der Poeſie gelte.

Allerdings verweilt er nun etwas länger bei der dramatiſchen Poeſie, aber wir werden ſehen, es gilt ihm dieſelbe nur als Beleg, als Beiſpiel, als Anwendung für ſeine Hauptlehre in Betreff der Erweckung und Feßelung der Aufmerkſamkeit. Er ſagt nemlich in den nächſten 40 Verſen(V. 179219): Damit das Intereſſe des Publikums gefeßelt bleibe, gilt als weitere Vorſchrift für den dramatiſchen Dichter, daß er auch auf die äußeren Bühnenverhältniſſe geziemende Rückſicht nehme,(ner ſoll alſo von der Bühne alles fern halten, was Abſcheu erregt oder die Illuſion aufhebt[V. 179188]; das Stück ſoll nicht zu lang und nicht zu kurz ſein V. 189 190]; in den Dialog ſoll ſich keine vierte Perſon miſchen[V. 192]; ein deus ex machina ſoll nur im äußerſten

Dichter dir Dinge nicht darzuſtellen habe, wie ſie ſein ſollen(vom höheren, idealeren Standpunkte aus),ſondern wie ſie ſind(vgl. S. 9), oder wie Shakspeare ſo treffend ſeinen Hamlet zu den Schauſpielern ſagen läßt(III, 1):Alles, was ſo übertrieben wird, iſt dem Vorhaben des Schauſpiels entgegen, deſſen Zweck ſo wohl anfangs als jetzt war und iſt, der Natur gleichſam den Spiegel vorzuhalten, der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr eignes Bild, und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den Abdruck ſeiner Geſtalt zu zeigen. Vgl. auch Anm. 0).

22²) Vgl. S. 4.

²³) In wie fern Horaz als Kunſtrichter einen weit über ſeine Zeit hinausreichenden Scharfblick, zumeiſt in der Auf⸗ ſtellung dieſes Grundſatzes, zeige, bleibt mir vielleicht bei einer andern Gelegenheit zu erörtern vergönnt.

²4) S. 6.

²⁵) Wie auch Düntzer mit Recht bemerkt.