Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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nicht von jedem dulcedo ¹³⁸), er würde ſonſt das Erhabene, welches ſonſt in der dramatiſchen Poeſie der Alten ſo oft und ſo ſtark hervortritt, und in der Regel auf Lieblichkeit keinen Anſpruch macht, als Fehler betrachten müßen. Allein wie ganz anders geſtaltet ſich Horazens Lehre, wenn er nur für elegiſche Scenen neben der generellen pulchritudo ſpeciell die rein menſchliche dulcedo, die den Weg unmittelbar zum Herzen findet, begehrt, und die ſtolze Erhabenheit verpönt! Man wird in dieſer wörtlichen Anführung nichts anders erkennen, als eine Betonung der ſpecifiſchen Differenz, welche zwiſchen meiner und der Döderlein'ſchen Auffaßung des Ganzen beſteht, die eben deshalb auch nur durch das Ganze meiner Darlegung vielleicht eine Widerlegung finden kann. So viel wenigſtens wird man hiernach zugeben, daß es mir nicht möglich war, die Anſicht dieſes hochgeachteten Philologen zu adoptieren, der ich mich ſonſt möglichſt zu unterwerfen bemüht bin.

Im folgenden Abſchnitt(V. 119152) bleibt Horaz, nach meinem Dafürhalten, bei derſelben Materie, wie oben ²⁰) nachgewieſen iſt. Um jedoch das Intereſſe des Leſenden nicht abzuſtumpfen, nimmt er den Schein an, als ſpräche er von einem neuen Punkte, nemlich von dem Unterſchiede in der Behandlung eines überkommenen und eines erfundenen Stoffes. Schon oben(V. 38) hatte er die Regel aufgeſtellt, man müße einen Stoff wählen, dem man gewachſen ſei. So ſcheint er mithin das Thema von der richtigen Wahl des Stoffes hier wieder aufgreifen zu wollen. Aber eben ſo wenig als er von V. 199 ausſchließlich von der pulchritudo gehandelt, und eben ſo wenig als er von V. 38118 den Gedanken feſtgehalten, daß man einen Stoff wählen müße, dem man gewachſen ſei, eben ſo wenig führt er auch nun(von V. 119 152) die Betrachtung über den Unterſchied zwiſchen einem überkommenen und einem erfundenen Stoffe abgeſondert und konſequent ²¹) durch im Einklang mit jener Maxime:

⁴⁵) Verſteht man unter dulcedo überhaupt das Anſprechende, Feßelnde im Gegenſatz zur pulchritudo, die kalt laßen kann, wie eine regelrechte,ſchöne Phyſiognomie bekanntlich nicht immer reizend erſcheint, ſo hindert nichts, voraus⸗ zuſetzen, daß Horaz jene dulcedo für die Werke der Dichtkunſt überhaupt gefordert habe. Will man freilich dasAnſprechende, das Feßelnde nur in dem engen Sinne desGemüthvollen, im Gegenſatze desErhabenen, desImpoſanten, und nur fürelegiſche Scenen verſtehen, ſo müßte man hier dem geehrten Interpreten beipflichten. Allein faßt man das Anſprechende,das Feßelnde in dem Sinne, wie ich es oben entwickelt habe, als Naturwahrheit, als lebenvolle Indivi⸗ dugliſierung, als treue Charakteriſierung, als Abſpiegelung des Wirklichen, überhaupt als angemeßene Kolorierung, als Anſchlagen der rechten Tonart, wie auch beſonders der folgende Abſchnitt lehrt, ſo wird der qulcedo kein echter Dichter ſich entſchlagen dürfen, wenigſtens würde er ſonſt den Beifall unſers Horaz nicht erringen(vgl. beſonders V. 105 107, 112 118, 153 157). Ich interpungiere hiernach dieſe Stelle gegen die Döderlein'ſche Anſicht ebenſo wie alle übrigen Herausgeber, ſo daß mitnon satis etc. ein neuer Satz beginnt.

2⁰) S. 5 und 6.

²¹) Wie Düntzer meint. Auch Döderlein ſcheint überſehen zu haben, daß Horaz es faktiſch für ganz irrelevant erklärt, ob ein überkommener oder neu gefundener Stoff vom Dichter behandelt wird, indem er ja für beide Fälle die gleiche Vorſchrift aufſtellt, den Helden des Stücks naturgetreu darzuſtellen, d. h. ihn nicht etwa auf eine falſche Weiſe zu idealiſieren, ſondern ihn, wenn er ſchon ein Heros iſt, doch als einen Menſchen, mit allen ſeinen menſchlichen Gebrechen zu zeichnen, weil er ja ſonſt für uns kein lebendiges Intereſſe darbieten könnte(wobei namentlich noch auf den folgenden Abſchnitt[V. 153 178] Bezug zu nehmen iſt). Döderlein behauptet nemlich,bloß um des willen müße der Dichter dem Achill alle die Schattenſeiten beilegen, und dürfe kein vollkommenes Heldenideal aus ihm ſchaffen, weil Achill ein Charakter aus der Kategorie der überkommenen Stoffe durch die Ilias, welche ihm jene Fehler angedichtet für jeden, der dieſen Gegenſtand abermals behandeln wolle, ein character indelebilis geworden wäre. Dieſer ch. indel. hat eben noch einen tiefer liegenden Grund: Homer hat dem Achill jenes Weſen nichtangedichtet als etwas Willkührliches, ſondern als etwas durch jenes oberſte Geſetz der Naturwahrheit Gefordertes, dem kein echter Dichter ſich entziehen darf. Es hätte mithin nach meinem Ermeßen weder ein ſo großes Gewicht darauf gelegt werden ſollen, daß jener char. indel. des Achill als ein durch die Ueberlieferung geheiligter Typus ſich darſtelle, noch hätte dies als Grund bezeichnet werden dürfen, weshalb kein vollkommenes Heldenideal aus Achill geſchaffen werden könne. Letzteres war unter allen Umſtänden nicht zuläßig aus höhern poetiſchen Rückſichten, welche Horaz dergeſtalt charakteriſiertdaß der