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ſeiner Muſe in jenen Sermonen. Man glaubt immer noch über denſelben Gegenſtand unterhalten zu werden,— ſo hier über das Kapitel von der„Angemeßenheit,“— man iſt aber unvermerkt zu einem andern Punkte der Erwägung fortgeſchritten,— das umgekehrte Verfahren von dem zu Anfang beſprochenen ¹8); oder man findet auch, daß der Dichter ſelbſt die Miene annimmt, als wolle er ſeinen Stoff nach gewiſſen Rubriken abhandeln, wie wohl der Redner zuweilen ſeine Dispoſition andeutet, aber bald entdeckt man, daß er nur obenhin ſich daran bindet und gar manches berührt, was ſtreng genommen nicht unter die bezeichnete Kategorie gehört, daß er mithin mehr nur einem Seiltänzer zu vergleichen iſt, dem es weniger darum zu thun iſt, die vorgezeichnete Strecke auf ſeiner geſpannten Schnur zurückzulegen, als vielmehr ſeine Gewandtheit, ſeine Kraft, ſeine Anmuth ſehen zu laßen. Ein ſehr auffallendes Beiſpiel dieſer Art wird ſich unten(V. 306— 309) zeigen. Das Auffinden dieſer Eigenthümlichkeiten bei den Uebergängen iſt keine leichte Sache und erfordert ein tieferes Eindringen in den Geiſt der ganzen Architektur der Dichtung. Gerade hier gehen auch die Anſichten der Erklärer am weiteſten aus einander. Ein beſonders frappanter Fall dieſer Art bietet ſich eben an der Stelle dar, wo wir in n unſerer Betrachtung ſtehen geblieben ſind (bei V. 99). Die überaus wichtige Maxime nemlich:
„Non satis est pulchra esse poëmata, dulcia sunto
Et quocunque volent animum auditoris agunto“(V. 99— 100), welche eigentlich die Quint⸗Eſſenz alles deſſen enthält, was Horaz in den erwähnten 92 Verſen vorträgt (von V. 86 an), wird hier faſt in Form einer Parentheſe, oder doch eines mehr nur gelegentlichen Fingerzeigs hingeſtellt, wie das Folgende zeigt, wo er wieder auf das vorher beſprochene Beiſpiel vom Auftreten der tragiſchen Perſonen eines Telephus und Peleus zurückkommt. Und doch hat uns der Dichter mit dieſen Worten um einen wichtigen Schritt weiter geführt; denn dieſelben bilden die Brücke zur Einſchärfung der Lehre von der„angemeßenen Charakterzeichnung mit ſtrengſter Feſthaltung der Naturwahrheit behufs der Spannung des Intereſſes,“ welche, logiſch betrachtet, als ein Beſonderes dem allgemeinen Grundſatze von der„angemeßenen Färbung“ ſich unterordnet. Ich will nun nicht die verſchiedenen Anſichten über dieſe Stelle aufzählen und widerlegen, aus nahe liegenden Gründen, ich werde mich nur darauf beſchränken, die Döderlein'ſche Anmerkung zu dem 98. Vers auszuſchreiben.„Dieſer Vers
„Si curat cor spectantis tetigisse querela“
erſcheint hier, von dem vorangehenden getrennt, als hypothetiſcher Vorderſatz des Folgenden. Nach der gewöhnlichen Interpunktion würde mit dem Vers
„Non satis est pulchra esse poëmata“ eine ganz neue Gedankenreihe beginnen, und zwar mit einer Behauptung, welche, in dieſer Allgemeinheit ausge⸗ ſprochen,„daß alle poömata nicht bloß pulchra, ſondern auch dulcia ſein ſollten“, weder durch das Folgende begründet wird, noch überhaupt mit Horazens Anſicht zuſammenſtimmt. Denn was iſt pulchrum, was iſt dulce poöëma? Die pulchritudo muß den Forderungen der Kunſt und des gebildeten Geſchmacks entſprechen. In Ep. II, 1, 71 bezeichnen die 3 Attributive„emendata pulchraque et exactis minimum distantia“ zuſammen einerlei Begriff: die vollendete Kunſtform. Nero war pulchrior quam venustior von regelmäßig ſchöner Geſichtsbildung, aber ohne Anmuth und Liebenswürdigkeit. Dagegen dulce carmen bedeutet das, was wir eine gemüthvolle Dichtung nennen, und was das Erhabene, magnificum, grandi- loquum zu ſeinem Gegenſatze hat, welches wegen ſeines impoſanten Charakters immer austeritatis aliquid, alſo das direkte Gegentheil der dulcedo mit ſich führt; vgl. V. 342. Beide Arten der Poeſie ſind koordinierte und beide gleich berechtigt, gleich geachtet; Simonides und Herodot ſind dulces, Pindar und Thucydides nimmermehr. Horaz kann nun zwar von jedem Kunſtwerk pulchritudo verlangen, aber
¹3) Vgl. S. 3.


