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zeichnung der Leſer ins Intereſſe gezogen werdenu¹)(V. 99— 118). Treues Feſthalten der Naturwahrheit iſt und bleibt hier der oberſte Grundſatz, damit die Spannung des Hörenden nicht nachlaße— wobei es übrigens gleichgültig erſcheint, ob man einen überkommenen oder ſelbſt gefundenen Stoff behandelt, ob man ein Epos ¹⁶) oder ein Drama bearbeitet(V. 119— 152).— Wenn z. B. der dramatiſche Dichter den verſchieden auftretenden Perſonen eine naturgetreue Individualität zu verleihen weiß, ſo darf er ſich des Beifalls des Publikums verſichert halten(V. 153—178).
Vor allem muß nun zur Erläuterung dieſes ganzen Abſchnittes vorausgeſchickt werden, daß Horaz ſeine wenigen allgemeinen Regeln, die er über ſo wichtige Punkte, als Ausdruck und Verſifikation ſind, gegeben hat, mit Betonung ſtreng geforderter Meiſterſchaft abſchließt(V. 86— 88):„Wenn ich die angemeßenen Rhythmen und die Färbung einer jeden Dichtung nicht feſtzuhalten weiß und vermag, bin ich berechtigt auf den Namen eines Dichters Anſpruch zu machen? Würde ich nicht beßer mich belehren laßen, als aus falſcher Scham in meiner Stümperei beharren?“ Es wird nicht entgangen ſein, daß Horaz ſchon von vorn herein von dem Dichter nur als dem vollendeten Meiſter ſpricht. Und daß er auch im weitern Verlauf der ars poëtica alles Gewicht auf das Erklimmen dieſer höchſten Stufe dichteriſcher Vollendung gelegt wißen will, gibt ſich nicht bloß dadurch zu erkennen, daß er an jene Forderung, mit der er das Vorausgehende, wie wir geſehen haben, abgeſchloßen, auch das Nachfolgende unmittelbar anlehnt, ſondern wird auch dadurch zu wiederholtenmalen, wie wir bemerken werden, motiviert, daß ohne dieſe poetiſche Meiſterſchaft der Endzweck alles Dichtens, die unbewußte, unmittelbare Einwirkung auf den Menſchen, die Erweckung und Feßelung der Aufmerkſamkeit ¹), verloren geht.
Der Uebergang zu dieſem dritten Hauptpunkte wird nun auf die leichteſte Weiſe vermittelt, inſofern Horaz vorher über die Angemeßenheit der Verſifikation gehandelt hatte(V. 73— 85), und nun daran ſeine Vorſchriften über die Angemeßenheit des Kolorits reiht. Durch dieſes Maskieren der Abſchnitte, indem eine ganz andre Dispoſition ſcheinbar von ihm aufgeſtellt und durchgeführt wird, als er faktiſch beabſichtigt hatte, erzeugt ſich für den Leſer, der logiſch ihm zu folgen ſich bemüht, ein ähnlicher Reiz, wie der, welcher mit dem Löſen eines Räthſels verbunden iſt; und dieſe Manier iſt unſerm Dichter in ſeinen Satiren und zumeiſt Epiſteln— welche letztern man in gewiſſem Sinn nicht mit Unrecht „didaktiſche Poeſien“ nennen könnte,— vorzugsweiſe eigen, und ſie begründet eine weſentliche Schönheit
¹⁵) Es liegt auf flacher Hand, daß hierbei vorzugsweiſe an den dramatiſchen Dichter gedacht iſt; allein keine Gattung der Poeſie darf ſich dem Princip, auf dem dieſe Vorſchrift beruht, entziehen, wie ausdrücklich aus dem folgenden Abſchnitt hervorgeht(V. 119—152).. 4
¹6) Die von Horaz beigebrachten Belege zeigen, daß er nicht bloß vom Drama dies fordert, was Döderlein freilich (in ſ. Anm. zu V. 136) in Abrede ſtellt.
¹) Dieſen wichtigen Umſtand ſcheint auch Döderlein nicht gebührend gewürdigt zu haben. Er bemerkt nemlich zu V. 154:„Horaz habe bisher die rein dramatiſchen Geſetze behandelt, Einheit der Idee, Wahl des rechten Metrums c. Deren Befolgung verlangten die ſach verſtändigen Kunſtrichter, wogegen das große Publikum die Nothwendigkeit derſelben weniger fühle und ihre Vernachläßigung leichter verzeihe. Aber von V. 153 an gehe er auf die mehr theatraliſchen Regeln über, auf die Forderungen, welche das ganze Publikum an das Drama mache, wenn es gefallen ſolle. Die erſte diefer theatraliſchen Regeln ſei die richtige Charakteriſtik. Für dieſes ſtoffliche und moraliſche Element und was Horaz daran anſchließe, habe das Volk mehr Empfänglichkeit und ein feineres Senſorium als für die Form und Technik. Horaz meine alſo: wenn du nicht bloß für den Kenner ein vortreffliches Kunſtwerk ſchaffen, ſondern damit zugleich Beifall und Aner⸗ kennung von den Zuſchauern ernten willſt, ſo beobachte auch das Folgende.“ Nach meiner Auffaßung bringt uns Horaz im Folgenden gar nicht etwas Neues; vielmehr bleibt er immer noch bei derſelben Materie und ſucht nur ſeinen oberſten Grundſatz zu illuſtrieren. Auch jene Diſtinktion zwiſchen Sachverſtändigen und dem großen Publikum halte ich nicht für maßgebend in Bezug auf die Auffaßung der inneren Gliederung unſerer Dichtung an dieſer Stelle.


