Aufsatz 
Ein Beitrag zur Würdigung der Epistel an die Pisonen / Ferdinand Anton Beck
Entstehung
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zu legen. Befremdet es uns etwa, wenn der Romanſchreiber oder der Dramatiker eine Scene plötzlich abbricht oder eine Situation nur kurz andeutet, die erſt ſpäter ihren Abſchluß findet oder ihre Aufklärung erhält? Warum ſollte es auffallen, daß Horaz in ſeiner poetiſchen Epiſtel ein reiches Gewebe bunt durch einander laufender Fäden vorlegt, deren Linien oft dem ſpähenden Auge ſich zu entziehen ſcheinen? Aber es ſollte auch eben ſo wenig Anſtoß erregen, wenn der Dichter hier nicht jeden Faden, den er vorne fallen ließ, hinten wieder aufnimmt. Wo ein Gegenſtand berührt iſt, der wenig beſtritten wird, würde eine weitere Ausführung desſelben nur Ermüdung des Leſers bewirken, eine Wirkung, die, wie wir im weitern Verlaufe ſehen werden, Horaz für das größte äſthetiſche Uebel hält. Darum iſt gar manches, was in einer ſyſtematiſchen Betrachtung über die Dichtkunſt vorgetragen werden müßte, hier nur kurz angedeutet oder ſelbſt ganz unerwähnt gelaßen, weil eben Horaz ſich jederzeit des oberſten leitenden Grundſatzes im poetiſchen Vortrage ſeiner Maximen und Ideen bewußt bleibt:

Ordinis haec virtus erit et venus, aut ego fallor,

Ut jam nunc dicat jam nunc debentia dici,

Pleraque differat et praesens in tempus omittat.

Nach dieſer kurzen Abſchweifung wollen wir wieder zu unſerm Texte zurückkehren. Die folgende Stelle(Vers 45 85) bietet nach den gegebenen Andeutungen keine Schwierigkeit. Der Dichter ſoll nach der größten Sorgfalt in der Ausdrucksweiſe, zunächſt in der Wahl und Verbindung der Wörter ſtreben(V. 4572), nicht minder bei der Verſifikation hat er darauf zu ſehen, daß das Angemeßene getroffen werde(V. 7385). Alſo die facundia, die Formvollendung, wird dem nach Meiſterſchaft ringenden Poeten als zweite Kardinal⸗Tugend aufs dringendſte anempfohlen, eine Vorſchrift von ſolcher Bedeutung, daß Horaz, wie ſich finden wird, ſpäter immer wieder auf dieſelbe zurückkommt. Hier beſpricht er dieſen überaus wichtigen Gegenſtand mehr in Form von Digreſſionen, wobei er ſich nach Dilettanten⸗Art bei Specialitäten aufhält, wie dem beſcheidenen Gebrauch veralteter, der Veredlung niedriger, der Erſchaffung neuer Wörter u. d. gl., auch das umfaßende Kapitel von der Verſifikation nur obenhin berührt, ſo daß er bei dem Leſer den Wunſch erzeugt, daß er eine ausführlichere Belehrung hierüber vernommen haben möchte, und das iſt es gerade, was Horaz beabſichtigt: man ſoll ihm gerne folgen, man ſoll zu denken haben, man ſoll nichts weniger als Ueberdruß verſpüren.

Einen dritten Kardinalpunkt behandelt Horaz in den folgenden 92 Verſen, der ſich kurz ſo formulieren läßt:Nicht minder zeigt ſich die Meiſterſchaft in dem Auffinden und Anſchlagen des für jede Dichtungsart paſſenden Tons und Stigts, insbeſondere in einer angemeßenen und naturgetreuen Charakterzeichnung. Wir werden indeſſen finden, daß er in mehrfacher Gliederung unter wechſelnden Geſichtspunkten dieſen Gedanken fortzuſpinnen weiß, ſo daß der Leſer in vermeintlichem Fortſchreiten zu neuen Ideen bei der anregendſten Form der Darſtellung zuletzt nur Variationen über dasſelbe Thema warnimmt, und hierdurch zu der Ueberzeugung von der Richtigkeit und Wichtigkeit der eingeſchärften Lehre ſich gebracht ſieht. Genauer geſtaltet ſich hier nemlich der Gedankengang in folgender Weiſe: Ein jedes Dichterwerk muß ſeine ihm paſſende Färbung an ſich tragen)(V. 8698). Namentlich muß durch eine angemeßene Charakter⸗

¹⁴) Horaz begründet ſeine im Vorausgehenden(v. V. 7385) gegebenen Vorſchriften über die Angemeßenheit der Verſifikation hier(V. 86 98) offenbar durch ein allgemeines Princip, zu dem er nun ſeine Entwickelungen hinüberführt. Um deswillen habe ich, obgleich von dem Metriſchen noch bis zum 92. Verſe beziehungsweiſe die Rede iſt, doch ſchon mit dem 86. Verſe einen neuen Abſchnitt bezeichnet. Dieſes allgemeinere Princip wird von Döderlein nicht anerkannt, wie aus ſeiner Anm. zu V. 89 hervorgeht, wozu auch ſeine in der Anm. zum 98. Verſe entwickelten Anſichten(vgl. S. 7 sqq.) ſtimmen.