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Die erſten 37 Verſe laßen ſich in dem Satze zuſammenfaßen: Eine vollendete Dichtung muß aus Einem Guß geformt, nicht aus übel zuſammenpaſſenden Theilen zuſammen⸗ gefügt ſein, oder, wie Horaz ſelbſt dies kurz mit den Worten des 23. Verſes bezeichnet:
„Denique sit quidvis simplex duntaxat et unum.“
Auf den erſten Anblick ſollte man freilich meinen, daß hier eine zweifache Gliederung des Ideengangs zu Grunde liege, nemlich von V. 1—23, und von V. 24— 37, wie auch die meiſten Erklärer ¹⁰) behauptet haben. Bei näherer Betrachtung wird man jedoch finden, daß der Dichter im 24. Verſe nur ſcheinbar zu einer neuen Materie übergeht, daß er aber faktiſch bei ſeinem Grundgedanken verharrt, wie unzweifelhaft aus dem 34. Verſe hervorgeht, wo er als die Urſache der gerügten Verirrung die Nichtbeachtung jenes aufgeſtellten oberſten Grundſatzes bezeichnet:„weil er nicht etwas Ganzes zu ſchaffen weiß.“ Nur in ſo fern variiert er ſein Thema, als er jenen Fehler als die Folge einer falſchen Reflexion hinſtellt.— Dieſes ſcheinbare Ueberſpringen zu einem neuen Gedanken mit faktiſcher Feſthaltung des vorausgehenden, dem wir bei Horaz in ſeinen Sermonen häufig begegnen, ſoll den ermüdenden Eindruck, den der nüchterne Lehrton zur Folge hat, paralyſieren, eine Manier, die, dem feineren Konverſationston entlehnt, weſentlich dazu beiträgt, bei didaktiſchen Dichtungen den proſaiſchen Charakter zu verwiſchen und der Darſtellung ein poetiſches Gepräge zu verleihen.
Die folgenden Worte von V. 38— 40, welche die Vorſchrift enthalten„der Dichter ſoll ſich einen Stoff wählen, der ſeinen Kräften angemeßen iſt,“ ſchließen ſich als logiſche Folgerung direkt an das Vorhergehende an, und es läßt ſich der Uebergang zu dieſer Stelle, der keineswegs ſo abrupt ſich darſtellt, wie die meiſten Kommentatoren ¹¹) annehmen, etwa ſo vermitteln:„Um aber ein Ganzes ſchaffen zu können, um jene gerügten Mängel zu vermeiden, muß der Dichter vor allem ſeine Leiſtungs⸗ fähigkeit geprüft haben.“ Es bildet dieſer Satz alſo den Gegenſatz zu dem unmittelbar vorangehenden; hier empfiehlt er dem Dichter, ehe dieſer anhebt, ein richtiges, vorurtheilsloſes Reflektieren, dort(V. 24— 37) warnt er ihn vor falſchen Maximen.
„Wenn der Gegenſtand ſo gewählt iſt, dann wird weder die lichtvolle Ordnung des Ganzen(lucidus ordo) noch die Kunſt des Ausdrucks(facundia) mangeln“(V. 40— 41). So fährt Horaz fort und weiſt eben damit darauf hin, daß zur Meiſterſchaft in formeller wie materieller Hinſicht die gewißenhafteſte, ſorgfältigſte Selbſtprüfung des Dichters unerläßlich ſei. Er bahnt ſich ſo,— kaum bemerk⸗ bar für den Leſer— indem er das Vorausgehende abſchließt, zugleich den Uebergang zu einem zweiten Hauptpunkte. Bisher hatte er, wie klar vorliegt, nur von der„lichtvollen Ordnung des Ganzen“ gehandelt, und im Folgenden verbreitet er ſich, wie wir ſehen werden, über„die Kunſt des Ausdrucks.“ Hätte Horaz eine proſaiſche Anweiſung für angehende Poeten geſchrieben, ſo würde er ſeine Sätze anders for⸗
¹⁰) Grifolus:„Transit(a dispositione) ad alteram partem, duae A4eας nominatur: per hanc enim poëta mores et sententias imitatur.“ Aehnlich ſo alle älteren Kommentatoren, die hier ein neues praeceptum folgen laßen. Wieland ſagt, der Dichter beginne mit V. 14, die Fehler, die am gewöhnlichſten gegen die Einheit begangen werden, in einem ſanften, komiſchen Lichte ſichtbar zu machen, und V. 24 sqq. enthalten nach ihm das zweite der Uebel, denen junge Leute beim Dichten ſelten entgehen. Schelle:„Unitati virtutes opponuntur aut alieno loco inlatae(V. 14— 18), aut rei tractatae absonae(V. 19— 23). Opponitur etiam tertio loco(V. 24 sqq.) vitiorum fuga, ingenio et arte destituta.“
¹¹) Düntzer:„Nachdem Horaz die Einheit der Kompoſition(V. 1— 31) und die vollendete Darſtellung aller einzelnen Theile(V. 32— 37) als Haupterforderniſſe hervorgehoben hat, geht er zu einer der wichtigſten Regeln über, zur Wahl eines den Kräften angemeßenen Stoffes, dem der Dichter ganz gewachſen iſt, wo es ihm weder an der Kompoſition, noch an der Ausführung fehlen werde(V. 38— 41). Vgl. auch Anm. ¹²).
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