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werden. Hieraus ergibt ſich als nothwendige Forderung, daß eine ſpecielle Nachweiſung des Ideen⸗ Zuſammenhangs— mit gelegentlicher Hinweiſung auf die Manier der Darſtellung— gegeben, und die leitenden Grundgedanken der ganzen Dichtung zuſammengefaßt werden. Von dem ſo eingenommenen Standpunkte aus läßt ſich alsdann ein Rückblick auf Einzelnes werfen und das Streitige vielleicht zur Entſcheidung bringen. Dabei iſt es natürlich unvermeidlich, daß allgemein Anerkanntes wieder zum Vorſchein komme. Indeſſen wird es mein Beſtreben ſein, in ſolchen Fällen mich nur auf die nothwendigſten Erör⸗ terungen zu beſchränken, ohne welche der Ueberblick über das Ganze nicht gewonnen werden könnte.
Wenn nun die Dispoſition der ganzen Epiſtel entwickelt werden ſoll, ſo iſt eine proſaiſche Paraphraſe der poetiſch vorgetragenen Ideen auszumitteln nicht bloß mit ſcharfer Abgrenzung der einzelnen Aufſtel⸗ lungen, ſondern auch mit Nachweiſung des Uebergangs von einem logiſchen Satz zum andern. Ein ſolches Beſtreben könnte vielleicht von vorn herein als bedenklich erſcheinen, in ſo fern es ſich hier nicht um eine Rede oder eine philoſophiſche Abhandlung, ſondern um eine Dichtung handelt, die anatomiſch zergliedert werden ſoll. In der That ſollte man denken, daß eine Dichtung, je ſchärfer und folgerichtiger die Dispoſition derſelben ſich nachweiſen läßt, um ſo mehr dem Weſen echter Poeſie entfremdet iſt. Wir wollen indeſſen die Frage, welchen poetiſchen Werth die Epiſtel an die Piſonen hat, vorerſt noch unerörtert laßen. Es werden ſich im Verlaufe Fingerzeige zur Beantwortung derſelben von ſelbſt ergeben. So viel wird man immerhin zugeſtehen, daß auch die vollendetſte Dichtung nicht die Sonde des nüchternen Kritikers zu ſcheuen hat*). Wenigſtens würde es kein günſtiges Zeugnis für den Werth eines Dichterwerks ſein, wenn es bei ruhiger Betrachtung dem ſtreng logiſchen Princip ſich entzöge und in leere Willkührlichkeiten der Phantaſie zerflöße. Es gibt allerdings eine Logik des Dichters, die von der Logik des Redners oder des Philoſophen verſchieden iſt. Worin die Differenz liegt, braucht hier nicht entwickelt zu werden, doch dürfte vielleicht durch die vorliegenden Erörterungen ein Streiflicht mit auch auf dieſe Frage fallen 8).
Für die Feſtſtellung und Begrenzung der einzelnen Abſchnitte der ars poëtica wird ſich nicht leicht eine Uebereinſtimmung der Anſichten unter den Sachverſtändigen erzielen laßen, indem dieſelbe mit der Auffaßung der Grund⸗Idee der ganzen Dichtung im innigſten Zuſammenhang ſteht. Eben um deswillen iſt es aber auch in den meiſten Fällen überflüßig, die entgegenſtehenden Meinungen bei einzelnen Stellen zu bekämpfen, und es wird vielmehr geboten erſcheinen, die Polemik gegen die Total⸗Auffaßung zu richten.
Ich laße nun eine detaillierte Entwickelung und Umſchreibung der einzelnen Gedanken folgen, wie ſie ſukceſſiv Horaz in dieſer Dichtung uns vorführt ⁰).
²) Man vergleiche das Urtheil Herders und Hegels über dieſen Punkt. Der erſtere ſagt(in den Id. z. Geſch. und Krit. der Poeſie und der bildenden Künſte Bd. XV. S. 85):„Bei jeder Kunſt⸗Kompoſition fragt man: Wozu hat ſie der Künſtler komponiert? was war dabei ſeine Idee? und wie ſetzte er die Theile ſeines Werks zuſammen?“ Der letztere äußert ſich(in ſeiner Aeſthetik I. Theil. S. 363) alſo:„Ohne Nachdenken bringt der Menſch ſich das, was in ihm iſt, nicht zum Bewußtſein, und ſo merkt man es auch jedem großen Kunſtwerk an, daß der Stoff nach allen Richtungen hin lange und tief erwogen und durchdacht iſt. Aus der Leichtfertigkeit der Phantaſie geht kein gediegenes Werk hervor.“—„Bei der Ineinanderarbeitung des vernünftigen Inhalts und der realen Geſtalt hat ſich der Künſtler einerſeits die wache Beſonnenheit des Verſtandes, andererſeits die Tiefe des Gemüths und der beſeelenden Empfindung zu Hilfe zu nehmen. Es iſt deshalb eine Abgeſchmacktheit zu meinen, Gedichte wie die homeriſchen ſeien dem Dichter im Schlafe gekommen. Ohne Beſonnenheit, Sonderung, Unterſcheidung vermag der Künſtler keinen Gehalt, den er geſtalten ſoll, zu beherſchen, und es iſt thöricht zu glauben, der echte Künſtler wiße nicht, was er thut.“
³) Vgl. S. 4—5. *) Hierbei bitte ich, die am Schluße dieſer Abhandlung gegebene Ueberſetzung für jeden Abſchnitt vergleichen zu wollen.


