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beſſern Geſchmack bewieſen, als man ihm ſonſt, und zwar nicht mit Unrecht, beilegt. Dagegen beſitzt Krinagoras einen Vorzug, der ihn vor den meiſten ſeiner Zeitgenoſſen und ſelbſt der zunächſt vor⸗ hergehenden Dichter ſehr vortheilhaft auszeichnet. Während nämlich bereits in der alexandriniſchen Blüthezeit des Epigramms die ur⸗ ſprüngliche Beſtimmung deſſelben, als Inſchrift zu dienen, gänzlich außer Acht gelaſſen, der Gegenſtand und die Veranlaſſung gewöhn⸗ lich fingirt wurde und der epideiktiſche Zweck meiſt der herrſchende war, während die nachfolgenden Dichter in derſelben Weiſe fort⸗ fuhren, ſich aber größten Theils nur auf ſklaviſche Nachahmung oder unbedeutende Variationen der von den Frühern behandelten Gegenſtände beſchränkten, finden wir bei Krinagoras faſt keine Spur einer ſolchen Nachahmung und die meiſten ſeiner Gedichte ſind, wie eine nähere Betrachtung lehrt, bei wirklichen Veranlaſſungen gedichtet und daher eigentliche Gelegenheitsgedichte. Da dieß nun bei ſehr vielen derſelben klar vorliegt, ſo halte ich mich für berechtigt, es von allen oder doch den meiſten annehmen zu dürfen, und auf dieſe An⸗ nahme gründen ſich theils mehrere der im Vorhergehenden über die Lebensverhältniſſe des Dichters aufgeſtellten Vermuthungen, theils der im Folgenden über die einzelnen Gedichte zu machenden Bemer⸗ kungen. Der Dialekt des Krinagoras iſt durchgehends der epiſche, und zwar herrſcht in dieſer Beziehung die größte Gleichförmigkeit, während ſonſt in den Gedichten eines und deſſelben Dichters die Handſchrift oft die auffallendſten Schwankungen hierin darbietet; nur an zwei Stellen finden ſich Abweichungen hiervon, nämlich ep. 6, 7. T10 /%, wo aber die zwei letzten Verſe, wie ich ſpäter zeigen werde, auch aus andern Gründen gar nicht zum Vorhergehenden paſſen; ſodann finden ſich in ep. 39, das überhaupt eine bukoliſche Fäͤrbung hat und vielleicht nicht von Krinagoras iſt, einige doriſche Formen. Der Versbau iſt, wenn auch nicht beſonders wohlklingend, doch den von den beſſern elegiſchen Dichtern hierin beobachteten Ge⸗ ſetzen entſprechend; den Hiatus läßt er dieſen Geſetzen gemäß nur bei langen Sylben zu; und 2 oder 3 Stellen, wo derſelbe bei einer kurzen Sylbe Statt findet, dürften daher zu emendiren ſein.— Im Ausdruck zeigt ſich hin und wieder ein Haſchen nach ungewöhnlichen, ſchwer verſtändlichen, aus ältern Schriftſtellern entlehnten Wörtern.
Brunck theilt in den Analekten II, 140 fſ. 46 Epigramme des Krinagoras mit, wovon einige wohl nicht von ihm ſind, worüber bei den einzelnen Gedichten weiter geredet werden ſoll. Hierzu kommt als Nr. 47 A. P. VI, 100, als Nr. 48 A. P. IX, 542,


