Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die frühe Lektüre der Kinder / Ludwig Dieffenbach
Entstehung
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Auge zu haben; iſt es ein Wunder, wenn es ſie ſo zu ver⸗ richten ſucht, daß ſie recht in die Augen fallend ſind und alſo uͤber kurz oder lang ein offenbarer Heuchler wird? Auch fuͤr den Verſtand ſind dieſe Erzaͤhlungen im hoͤchſten Grade ſchaͤd⸗ lich, da die Vorſehung in ihnen von einer falſchen Seite dar⸗ geſtellt wird. Ihr einziger Zweck ſcheint da nur darin zu be⸗ ſtehen, unaufhoͤrlich zu arbeiten und alle Umſtaͤnde ſo zu lei⸗ ten, daß ſchon hier jede boͤſe That enrdeckt und beſtraft und jede gute belohnt werde. Solche Vorurtheile gehoͤren nicht zu den unſchaͤdlichen wenn es deren ja geben kann; denn ſie führen den davon eingenommenen zum Mißmuth, wenn er nicht die gehofften Folgen ſeiner guten That erblickt und leh⸗ ren alle moraliſche Harmonie auf dieſer Erde ſuchen.

Nein! dieß iſt nicht die rechte Art, rein moraliſche Men⸗ ſchen zu bilden! Fruh ſchon ſollen ſie lernen, rechtſchaffen ſeyn, ohne die Folgen auf ihr aͤuſſeres Gluͤck zu berechnen; fruͤh ſchon ſollen die Begriffe: Menſch ſeyn, und moraliſch handeln in einen einzigen zuſammen flieſſen.

Ideale guter Menſchen moͤchten ſich alſo noch vorzuͤglich zur Jugendlektuͤre eignen. Nur muͤßte man in Schilderungen dieſer Art auf die Faſſungskraft der Kinder die ſtrengſte Ruͤck⸗ ſicht nehmen, damit ſie ihm, bei ſeiner wenigen Freiheit des

Willens