Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die frühe Lektüre der Kinder / Ludwig Dieffenbach
Entstehung
Einzelbild herunterladen

=. 2

Alſo ſchon deswegen gehoͤrt die Fabel nicht fuͤr das ur⸗ theilsloſe Kindesalter, weil das ihnen ſo tief eingepraͤgte Ge⸗ fuͤhl fuͤr Wahrheit dadurch beleidigt wird; und ſie dann wohl gar ſelbſt auf den Gedanken kommen, Fabeln zu machen, oder, was ihnen gleichbedeutend iſt zu luͤgen. Aber die Fabel hat auch andere, ſeiner Moralitaͤt nachtheilige Folgen. Der Star⸗ ke und Raͤnkenvolle wird es gewiß weit mehr intereſſiren, als der von dieſen Unterdruckte oder Betrogene. Man belauſche nur Kinder bei Fabeln, worin Loͤwe oder Fuchs eine Rolle ſpielt; ihre Partei wird bald ergriffen ſeyn, und dieſe iſt ohne Zweifel keine andere als die des Löwen oder Fuchſes. Wer kann es ihnen auch verdenken, da andere Thiere oft ſo unbe⸗ ſchreiblich dumm handeln, daß ſie ſich nothwendig ſelbſt ſagen muͤſſen: du wuͤrdeſt, wenn du mit dem Löwen oder Fuchſe zu thun gehabt haͤtteſt, deine Sache wohl weit beſſer gemacht ha⸗ ben. Aber ſo wird ja doch ihre Klugheit geweckt? Aller⸗ dings, ob aber dieß auf Koſten ihres ſittlichen Gefuͤhls geſche⸗ hen ſoll, iſt wohl keine Frage. Ueberhaupt iſt es den meiſten Fabeln, vorzüglich den Aeſopiſchen eigen, daß ſie hauptſäͤchlich Klugheit befoͤrdern wollen, und eben deswegen ſcheinen ſie auch mehr fuͤr das reifere Alter zu paſſen, indem Klugheit ohne einige moraliſche Feſtigkeit nur zu leicht in Werſchlagen⸗ heit ausarten kann.

Kleine