Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die frühe Lektüre der Kinder / Ludwig Dieffenbach
Entstehung
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Kleine Kindern ſollte man daher nie, und errachſenern nur nach der vorſichtigſten Wahl, Fabeln in die Haͤnde geben. Daß dieß aber ſo leicht nicht ſey, mag nur ein Beyſpiel aus meiner eigenen Erfahrung beſtaͤttigen. Ich las einſt meinen Zöglingen Gellerts Fabel: der luͤgenhafte Bauernknabe vor, den der Vater durch die richteriſche Bruͤcke ſo ſchoͤn zum Geſtaͤnd⸗ niß der Wahrheit brachte: Aber, ſagte einer derſelben, als ich geendigt hatte: hier hat ja der Vater ſelbſt gelogen! und ich frage nun jeden Erzieher, ob es leicht ſey, dem Schäͤler die Rechtmaͤſſigkeit der letztern Luͤge begreiflich zu machen.

Iſt aber dieſe vorſichtige Auswahl bei Fabeln noͤthig, ſo iſt es noch weit mehr bei den Erzaͤhlungen der Fall, die durch ihre moraliſche Tendenz ſich zu empfehlen ſuchen. Durch ſie ſoll das Kind ſo bald als moͤglich von der Schoͤnheit der Tu⸗ gend und der Haͤßlichkeit des Laſters uͤberzeugt werden, und ſchou dieſe gute Abſicht ſcheint es zu rechtfertigen, wenn man die Farben ſo grell als möͤglich auftraͤgt, und Tugendfreunde ſo wohl, als Boͤſewichte ſchaarenweiſe vor ihrer Phantafie vor⸗ aͤberziehen laͤßt. Ob aber der Erfolg dieſer guten Abſicht ent⸗ ſpreche, moͤchte wohl ſehr in Zweifel zu ziehen ſeyn. Gant vorzuͤglich wuͤnſchte ich alle diejenigen Erzäͤhlungen von den Kin⸗ dern entfernt, in welchen das Laſter zum abſchreckenden Bei⸗ ſpiele aufgefuͤhrt wird. Warum wollen wir die jugendliche

Phantaſie mit haͤßlichen Bildern erfuͤllen; warum das Kind auf