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jugendliche Alter, hat man denn aufzuweiſen, um die Faͤhigkeit, ſich leicht in eine fremde Lage zu verſetzen, auszubilden? Oder wird der Mann, welcher als Jüngling angefuͤhrt wurde, ſich verfloſſene Zeiten, eine fremde Berfaſſung, die Sitten, Spiele und Feſte einer fremden, noch lebenden, oder vom Schauplatz der Welt ſchon abgetrettenen, Nation zu vergegenwaͤrtigen, nicht keifer, uͤber die Begebenheiten und Veraͤnderungen ſeiner Zeit, bei andern Voͤlkern, urtheilen, und— um nur dieß einzige anzufuͤhren— ſein Urcheil nicht ſo leicht durch jede Flugſchrift ſtimmen und umſtimmen laſſen, als der, welcher dieſer Anwei⸗ ſung entbehrte und alles nach ſeinem engen Geſichtskreis be⸗ trachtet?
Bei der gluͤcklichſten Beſiegung der eben genannten Hinderniſſe einer gleichföͤrmigen Geiſtesbildung, bleibt freilich immer noch die Klippe zu vermeiden uͤbrig, daß man nicht den Kopf mit Kenntniſſen uͤberfuͤlle, und den. Gebrauch der Ur⸗ theilskraft, durch eine zu groſſe Beſchaͤftigung des Anſchauungs⸗ vermöͤgens, hindere. Denn in dem Beſitz einer Menge deutli⸗ cher Kenntniſſe, und bei der Faͤhigkeit ſie paſſend anzuwenden, kann es gar wohl dem Geiſt, der wegen zu ſtarker Anſtrengung bei Einſammlung der Kenntniſſe ermuͤdet, ſowohl an ſchoͤpferi⸗ ſcher Kraft, wenn ich mich ſo ausdruͤcken kann, neue Ideen zu bilden; als auch an Gewandtheit der Urtheilskraft, die einge⸗ ſammelten Begriffe zu ordnen und zu vergleichen, fehlen, und eine ſolche Abſtumpfung, iſt natuͤrlich dem Selbſidenken ſehr ge⸗ faͤhrlich. Wie dieſem Uebel aber bei jeder Art von Kenntniſ⸗ ſen— denn bei allen kann es ſich aͤuſſern— durch den Scharf⸗ blick des Lehrers, und mit Behutſamkeit und Vorſicht gegebe⸗ ne Veranlaſſung zur Erhohlung, durch Abwechſelung in der Lektuͤre, oder Vertauſchung derſelben mit eigenen Ausarbeitun⸗ gen, muß vorgebeugt werden, ſo auch hier.
Fur ſchwerer moͤchte man es anſehen, den das Selbſtden⸗ ken


