Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die Vortheile, welche die Erlernung der alten Sprachen der wissenschaftlichen Ausbildung des Geistes verschaffen / Johann Georg Friedrich Leun
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12 man zur Bildung des Kopfes von ihm auch noch die alten Sprachen fordert. Wer ſich mit mehreren Sprachen bekannt gemacht, und das eigenthuͤmliche einer ieden einſehen gelernt hat, der hat immer deſto mehr fuͤr Geſchmack und Verſtand gewonnen. Jede Sprache hat ihr eigenthuͤmliches, ihre eigne Art der Bezeichnung, ihre eigne Bilder, ſo wie ihre beſondere Wendungen, und oft eine ganz eigne Feinheit und Gewandt⸗ heit. Dieſe Eigenheiten bey mehreren Sprachen zu ſtudiren, iſt nun auch ſoviel mehr werth, als wenn es nur bey einer geſchieht. Der Verſtand lernt ſich immer in mehrere Arten der Verbindungen finden, lernt ſtets neue Arten der Bezeich⸗ nung allgemeiner Begriffe und beſonderer Einkleidungen. Es ſind nicht nur ſo vielerley Toͤne, die er hier fuͤr eine Vorſtel⸗ lung aus ſo vielerley Sprachen lernt, fuͤr welche er auch wohl mit dem einen Ton, womit ſie ſeine Landesſprache bezeichnet, genug gehabt haben moͤgte, ſondern es ſind neue Arten des ſymboliſchen Denkens, neue Arten der Bezeichnung abſtrakter Begriffe, und der Verbindung der Gedanken. Man erſchrecke alſo nicht daruͤber, daß ſich der Gelehrte nicht nur mit neue⸗ ren Sprachen bekannt machen ſoll, ſondern auch die griechiſche und lateiniſche auch, wenn es ſeine Beſtimmung erfordert, mor⸗ genlaͤndiſche Sprachen lernen ſoll. Bey einer zweckmaͤſſigen Methode laͤßt ſich das alles, beſonders da eine Sprache die andere erleichtert, ſo einrichten, daß auch fuͤr ſovieles andere, was innge Leute zu lernen haben, Zeit genug uͤbrig bleibt. Dieſe Erlernung mehrerer Sprachen belohnt ſich immer, wie ſichs wohl freylich mancher nicht denken moͤgte, und hilft zur wiſſenſchaftlichen Ausbildung des Kopfes, welche in fruͤhen Jah⸗ ren anfangen muß, mehr als Wiſſenſchaften aus den verſchie⸗ denſten Theilen der Gelehrſamkeit, womit manche Gymnaſien, wo oft wenig in Sprachen geſchieht, prangen, und womit ſie

ſich einen Vorzug vor andern geben wollen.

Man