Aufsatz 
Einige Bemerkungen über die Vortheile, welche die Erlernung der alten Sprachen der wissenschaftlichen Ausbildung des Geistes verschaffen / Johann Georg Friedrich Leun
Entstehung
Einzelbild herunterladen

48==S=. 2

gung angeſtellt werden, und zugleich auf die ganze Anordnung der Rede, welche ſie ihrem beſtimmten Zwecke gemaͤß erfordert, Ruͤckſicht genommen werden muͤſſe, und inſofern oft auch das Allergeringſte Aufmerkſamkeit verdiene. Sollte das aber auch bey der Mutterſprache ſo leicht und vortheilhaft geſchehen koͤn⸗ nen? Wenn ein iunger Menſch in derſelben einen Schriftſtel⸗ ler zu leſen anfaͤngt, ſo hat er ſchon aus dem Umgang ſoviel von der Sprache gelernt, daß es ihm nicht viel Muͤhe koſtet, den Inhalt ſeines Autors zu verſtehen, da man ohnedieß kei⸗ nen ſchweren waͤhlen wird. Aber darum war's ihm auch allein zu thun; ſeine Wißbegierde iſt nunmehr voͤllig befriedigt, und genaue Spracherklaͤrungen werden gar nichts anzügliches fuͤr ihn haben. Ganz anders aber wird ſich's bey einer fremden Sprache verhalten. Hier ſind Worte und Wortfuͤgungen dem Lehrlinge neu, ehe er in die Sache eindringen kann, muß er ſich zuvor mit der Bedeutung derſelben und ihrer Verbindung bekannt machen. Dieſes kann ihm auch ſchon ganz intereſſant ſeyn, weil er weiß, daß er doch etwas neues lernt, das er ſich bey der Mutterſprache nicht denkt, daher er auf alles, was die Sprache betrift, mehr Aufmerkſamkeit wendet. Man mache doch einen Verſuch einen deutſchen Schriftſteller eben ſo zu behandeln, wie wir Griechen und Roͤmer mit iungen Leuten leſen, ob es ſo leicht wird geſchehen koͤnnen, alles gehoͤrig in Anſehung der Sprachgeſetze, der Wortbedeutungen und deren richtigen Beſtimmung auseinander zu ſetzen. Es wird alles füͤr iunge Leute eine unertraͤgliche Arbeit ſeyn. Das viele ſehr ins kleine gehende, das bey der Erlernung einer Sprache vor⸗ kommen muß, laͤßt ſich aus mehr als einer Urſache, worunter die angefuͤhrte die wichtigſte iſt, bey einer alten toden beſſer als bey einer noch lebenden, und inſonderheit der Mutterſprache treiben. Ich ſehe auch nicht ein, wie beſonders iunge Leute, ohne eine Ueberſetzung in die Mutterſprache, d. b. ohne Ver⸗ gleichung einer auslaͤndiſchen m der Sprache des Vatterlan⸗

des

4