Aufsatz 
Über Kanzelvortrag / Franz Knoes
Entstehung
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.êB. 15

das Gepraͤge der Wahrheit traͤgt, erklaͤrt oft beſſer das heilige Buch, entwickele oft beſſer die Gotteswahrheiten, als ein ande⸗ rer, der mir Recht fuͤr einen Redlichen gilt. Ich weiß es; aber was iſt die Urſache hiervon? Der eine iſt mehr Gelehrter; ein Grund alſo, welcher der oben aufgeſtellten Behauptung, wofuͤr die aufgeklaͤrtdenkendſten Theologen ſtimmen, mit nichten Einſpruch thun kann. Der Rechtſchaffene, der Mann ſonder Falſch wird eben jenes noch wirtſamer, mit hinreiſſenderem Pa⸗ thos leiſten, ſo bald er, gleich dem andern, ſich Gelehrſam⸗ keit erwarb; und auch dieß, ſoll er anders ſeinem Amte genug thun, ſetze ich voraus, daß ihn, bei einem biedern Charakter, auch Naturanlage und das Praͤdicat eines nicht ungelehrten Mannes zum Lehrer legitimiren. Tit. 1, 9. Hierzu kommt, daß, wie auch der irreligioͤs lebende Prediger Religion vortra⸗ ge, ſich doch viele der Zuhoͤrer leicht fuͤr beſchoͤnigt halten, wenn ſie wahrnehmen, daß dem Laſter, dem ſie räuchern, ſelbſt ihr Lehrer opfert. Oft beſſert demnach vergebens ſeine Re⸗ de die, die ſein Beiſpiel verdirbt. Matth. 5, 16. 1 Kor. 9, 27. Man vergl. überhaupt 1 Korinth. 4. 1 Tim. 3. Tit. 1.

Ich ziehe die Folgerung, daß nicht Tiraden, nicht er⸗ haſchte und hie und da gepfluͤckte Rednerblumen, in bunte Straͤußchen gebunden, es ſind, die zum praktiſchen Chriſten⸗ thum leiten. Eara 1ua, Xensde, 1 Kor. 2, 2, gibt dem Vor⸗ trage das wahrſte, reizendſte, traͤftigſte Colorit. Hat ſich ein Mann zum chriſtlichen Lehrer durch geſammelte Kenntniſſe qualificiret; bemuͤhe er ſich unablaͤßig, Menſchen zu ſtudiren und ſie wie mit einer diogeniſchen Laterne zu beleuchten; bil⸗ det er ſich ſelbſt! immer mehr zum Menſchen: dann, nur dann ſtreut er einen Saamen, der zu einer reichen Aernte gedeihet. pectus diſertum facit! Er ruͤhrt und ladet nicht

ungluͤcklich Seelen zum Himmel ein. Pectus eſt, quod diler- t08